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  Atheisten auf Kreuzzug
 

Atheisten auf Kreuzzug

– Beweist die Wissenschaft wirklich den Materialismus? –



Erschienen als Titelthema der Ausgabe Nr. 85 (November/Dezember 2014) des Magazins
»GralsWelt – Zeitschrift für ganzheitliches Denken und fördernde Lebenswege«



Mit ungewohnter Schärfe gehen Vertreter einer neuen Atheismus-Welle mit dem Glauben ins Gericht. Sie berufen sich auf die Wissenschaft, die in ihren Augen den Materialismus fordert und keinen Raum für religiöse Anschauungen läßt. Tut sie das, sind Wissenschaft und Religion wirklich unvereinbar?

Mit der „Atheist Bus Campaign“ zeigte sich 2008/09 eine so bislang noch nicht dagewesene öffentliche Konfrontation der zwei grundlegenden Weltbilder, des Theismus und des Atheismus. Als Reaktion auf eine evangelikale Werbekampagne fuhren Busse mit der Aufschrift „Es gibt wahrscheinlich keinen Gott. Also mache Dir keine Sorgen und genieße Dein Leben.“ durch London und fanden bald Unterstützung durch ähnliche Aktionen in zahlreichen Ländern. In Deutschland lautete der Slogan: „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott. Ein erfülltes Leben braucht keinen Glauben.“ Christliche Gruppierungen konterten darauf mit eigenen Bussen, die Slogans trugen wie „Keine Sorge: Es gibt Gott.“ oder „Es gibt Gott ganz sicher. Also tritt der Christlichen Partei bei und genieße Dein Leben.“

Zwei Jahre zuvor tauchte zum ersten Mal das Schlagwort vom „Neuen Atheismus“ auf, der für eine Religionskritik in noch kaum dagewesener Schärfe besonders seit den Ereignissen des 11. Septembers 2001 steht und der in dem Biologen Richard Dawkins (Autor des Buches „Der Gotteswahn“), dem Philosophen Daniel Dennett („Den Bann brechen“), Philosoph und Neurowissenschaftler Sam Harris („Das Ende des Glaubens“) und Autor Christopher Hitchens („Der Herr ist kein Hirte“) seine Hauptcharaktere gefunden hat. Der hier angeschlagene Tonfall geht über eine bloße private Verneinung Gottes hinaus; er tritt offensiv gegen den Glauben an und ist vielleicht treffender als „Antitheismus“ zu bezeichnen.


Neuer Ton und alte Muster

Als „Ruf zu den Waffen“ (10) wurde Richard Dawkins' Rede über „militanten Atheismus“ (3) vielfach empfunden, die mit dem Aufruf endet: „Laßt uns aufhören, so verdammt respektvoll zu sein!“ Der Neue Atheismus richtet sich nicht nur gegen den Glauben an Gott, sondern auch gegen den „Glauben an den Glauben“ (4), also gegen die Ansicht, Religion hätte zumindest gute Nebeneffekte: „Religion ist nicht nur falsch, sie ist ein Übel“, behauptet dieser Atheismus (10). Seine Vertreter verstehen sich in erster Linie als rationales Gegengewicht zu fortschrittsfeindlichen Gruppierungen wie Kreationisten und Islamisten, müssen sich allerdings selbst ähnliche Vorwürfe gefallen lassen:

• Missionarischer Eifer: Missionierende Religionen zeichnen sich durch das Bemühen aus, Andersgläubige aktiv zu überzeugen und zur eigenen Weltanschauung zu bekehren. In „Der Gotteswahn“ räumt Dawkins freimütig ein: „Wenn dieses Buch so wirkt, wie ich es beabsichtige, werden religiöse Leser, die es aufschlagen, es als Atheisten wieder weglegen.“ (4) Mit einer solchen Grundhaltung einher geht in religiösen Kreisen in der Regel ein mehr oder weniger direkt ausgesprochenes Sendungsbewußtsein – wie es sich allerdings auch aus der Zielformulierung des für eine säkulare Welt kämpfenden atheistischen Dachverbandes AAI herauslesen läßt: „Die Atheist Alliance International sieht es als ihren Auftrag an, religiösen Organisationen und dem religiösen Glauben entgegenzutreten.“

Kennzeichnend für missionierende Religionen ist außerdem der „Anspruch der alleinigen Vertretung einer behaupteten universalen Wahrheit“ (Wikipedia). Dieser Aspekt führt zum zweiten Kritikpunkt, der auch aus den eigenen Reihen nichtgläubiger Wissenschaftler kommt.

• Dogmatischer Fundamentalismus: Fundamentalisten werfen Andersdenkenden mit Vorliebe Verblendung vor. Diese Einstellung bringt auch der Neue Atheismus unverhohlen zum Ausdruck: „Hochintelligente Menschen sind meistens Atheisten“, betont Dawkins und forderte zuletzt provokativ, „daß man keine Religionsvertreter mehr in Talkshows einladen sollte, da ihnen die nötige intellektuelle Reife fehlt“ (9). Auch die Selbstbezeichnung des Netzwerks Neuer Atheisten als „Brights“ (engl. bright = intelligent) rief Kritiker auf den Plan, denen Daniel Dennett daraufhin in seinem Buch „Den Bann brechen“ spöttisch empfahl, sich doch selbst einfach „Supers“ zu nennen aus engl. Supernaturalists (Menschen, die an Übernatürliches glauben). Wieder wird Tadel aus den eigenen Reihen laut, so wirft etwa der Geophysiker und Biologe Prof. Joan Roughgarden dem Neuen Atheismus vor: „Wissenschaftler stellen sich als aufgeklärte weiße Ritter dar, während gläubige Menschen als Idioten hingestellt werden.“ (10)

Noch deutlich schärfer wird der Kampf in den Untiefen des Internets geführt. Der von einer anonymen Skeptikerbewegung geführte denunziatorische Internetpranger „EsoWatch“ (inzwischen „Psiram“) hat es bereits zu mehreren Klagen und Anträgen auf Domain-Sperrung gebracht. Hier findet eine beispiellose Hexenjagd statt auf Projekte und Personen, die mit Glaube, Grenzwissenschaft oder Alternativmedizin zu tun haben. Die unbekannten Macher der Seite selbst verstehen ihr Projekt als eine Maßnahme des „Verbraucherschutzes“. In eine ähnliche Richtung tendiert das jährlich von der „Gesellschaft für kritisches Denken“ vergebene „Goldene Brett vor dem Kopf“, ein unrühmlicher Preis, für den auf der zugehörigen Webseite wahllos Personen und Einrichtungen nominiert werden können, die angeblich Unwissenschaftliches fördern. Unter den Nominierten befinden sich unter anderem verschiedene Universitäten, die so unvoreingenommen waren, sich mit Ansätzen der Alternativmedizin näher auseinandersetzen zu wollen. Daneben existieren noch zahlreiche weitere selbsternannte Kontrollausschlüsse, wie etwa das US-amerikanische „Commitee for Skeptical Inquiry“, dem es ein Anliegen ist, die mediale Offenheit für parawissenschaftliche Themen einzudämmen.

„Meine Erfahrung ist die, daß Atheisten meistens eigene Dogmen haben, mit denen die Existenz Gottes nicht vereinbar ist.“ (Gegenwartsphilosoph Peter Möller)

Die Kernaussage ist deutlich: „Religion ist heilbar“, wie es ein T-Shirt-Aufdruck auf den Punkt bringt und zugleich die Worte Prof. Alister McGraths bestätigt, „daß der Atheismus ebenso intolerant sein kann wie Religionen in ihren schlimmsten Auswüchsen“. Philosoph Peter Möller, Betreiber der philolex-Webseite, kommt für sich zu einem ähnlichen Schluß: „Meine Erfahrung ist die, daß Atheisten meistens eigene Dogmen haben, mit denen die Existenz Gottes nicht vereinbar ist.“


Auf dem Boden der Wissenschaft?

Tatsächlich stehen bei den meisten noch eine ganze Reihe weiterer weltanschaulicher Grundannahmen als vermeintliche Tatsachen im Hintergrund. Der Neue Atheismus verneint nicht nur das Sein Gottes, sondern er ist zugleich eng verknüpft mit einem strengen Materialismus (demnach gibt es nur Materie, alles ist auf sie zurückführbar), Naturalismus (die Naturwissenschaft ist das Maß aller Dinge, es gibt nichts Übernatürliches) und Positivismus (Erkenntnisse können nur aus unmittelbar beobachtbaren Sachverhalten bezogen werden unter Ausschluß alles Transzendenten). Hinzu kommt ein reduktionistischer Szientismus, die Auffassung, daß die akademische Wissenschaft die einzige legitime Erkenntnisquelle darstellt und alles Seiende nur durch sie zu beschreiben ist. Im Umkehrschluß wird damit alles, was sich der Naturwissenschaft entzieht, als sinnlos und nicht existent betrachtet – ganz ungeachtet der Weisheit, daß allein „unsere Methode des Fischens […] bestimmt, was wir fangen können“ (1).
Die Richtigkeit solcher Annahmen ist für Atheisten „eine ausgemachte wissenschaftliche Tatsache, nicht etwa bloß eine Annahme.“ (14) Und hier liegt das Problem: Die Natur schreibt uns nicht vor, wie wir sie zu interpretieren haben. Die Wissenschaft beobachtet, und ihre Beobachtungen können zunächst auf unterschiedliche Weise, mittels unterschiedlicher Theorien erklärt werden: „Die Natur kann auf theistische oder atheistische Weise erschlossen werden – zwingt jedoch zu keiner der beiden Möglichkeiten. Beide Optionen sind aus wissenschaftlicher Sicht gleichermaßen akzeptabel.“ (8) Dazu ein Beispiel. Wenn in Aufsätzen zu den Erkenntnissen der Hirnforschung regelmäßig zu lesen ist: „In der Großhirnrinde entsteht unser Bewußtsein“, so ist es aus wissenschaftstheoretischer Sicht nicht legitim, diese Hypothese als bewiesene Tatsache auszuweisen. Neurowissenschaftler messen Hirnströme und stellen dabei fest, daß die Aktivität bestimmter Hirnareale mit dem Bewußtsein eng verbunden sind. Man sagt: Es besteht eine Korrelation. Korrelation ist jedoch nicht gleich Kausalität! Es geht aus diesem gefundenen Zusammenhang nicht hervor, ob a) die Aktivität der Hirnareale das Bewußtsein erst hervorruft, erzeugt – oder b) umgekehrt diese Hirnareale durch das Einwirken von Bewußtsein aktiviert werden. Im ersten Fall entsteht Bewußtsein im Kopf, im zweiten Fall ist das Gehirn nur ein Werkzeug, über das (nicht-materielles) Bewußtsein vermittelt wird. Es ist deshalb unredlich, wenn Forscher von vornherein nur die materialistische Lesart eines Befundes für wissenschaftlich erklären: „Wissenschaftliche Materialisten haben eine spezielle philosophische Überzeugung begünstigt, als ob es sich um eine naturwissenschaftliche Erkenntnis handeln würde.“ (1)

Sowenig die Wissenschaft den Theismus oder eine andere Form des Glaubens beweisen kann, sowenig beweist sie den Materialismus. Es handelt sich um „alternative Glaubenssysteme, von denen jedes beansprucht, die ganze Wirklichkeit zu erfassen“ (1). Mit Physiker Lawrence Krauss ist dem Neuen Atheismus damit entgegenzuhalten: „Wissenschaft macht es nicht unmöglich, an Gott zu glauben. Wir sollten diese Tatsache einsehen.“ (10)


Der Mythos der hehren Wissenschaft

Ist Wissenschaft überhaupt der Dinge letzter Schluß, kann sie ein Monopol auf Wahrheit beanspruchen? „Wenn Wissenschaft für das einzige gehalten wird, was es gibt, alles, was es geben kann, dann wird sie zu einer anderen Religion.“ (10) So, wie das Wissensmonopol der Kirche und der Klöster im Mittelalter keine weltlich-wissenschaftlichen Bestrebungen neben sich dulden wollte, diese als fehlgeleitet und Gefahr für den Glauben ansah, so ähnlich sieht der Neue Atheismus heute den Glauben: „Religion ist zersetzend für die Wissenschaft“, schreibt Dawkins (3) und spricht an anderer Stelle von einem „globalen Angriff auf die Rationalität“ (5). Diese Auffassung ist offenbar auch schon in Teilen der breiten Bevölkerung angekommen, wie ein Leserkommentar unter einem Online-Artikel der ZEIT bestätigt: „Die Religiösen behindern massiv die biologische und medizinische Forschung in Deutschland. Es ist an der Zeit, daß Atheisten gemeinsam dagegen aufstehen.“

Sicher ist Irrationalität und blinder Glaube alles andere als erstrebenswert, kann auch zu bedenklichem Fanatismus führen – doch Religiosität an sich mit einer ignoranten Einstellung gegenüber Bildung gleichzusetzen, scheint zum einen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und zum anderen die Objektivität des Wissenschaftsbetriebes überzubewerten: „Wissenschaftliche Daten sind theoriegeladen und nicht theoriefrei. Theoretische Annahmen fließen in die Auswahl, die Darstellung und die Interpretation der Daten ein.“ (1) Hat sich eine Sichtweise wie heute die materialistische als allgemein anerkannte Fachmeinung durchgesetzt, so bedarf es, wie die Wissenschaftsgeschichte belegt, großen Aufwandes, sie durch eine andere Auffassung zu ersetzen. Die Forschung kann damit in Teilbereichen geradezu festgefahren und gegenüber widersprechender Evidenz immunisiert sein: „Ein etabliertes Paradigma widersetzt sich der Falsifikation, weil Unstimmigkeiten zwischen Theorie und Daten als Anomalien weggelassen oder durch die Einführung einer Ad-hoc-Hypothese integriert werden.“ (1)

Ein Beispiel für den ersten Fall, die Ausblendung unliebsamer Forschungsergebnisse, kann in der Ignorierung der Erkenntnisse der Sterbeforschung durch die Philosophie des Geistes und die Bewußseinsforschung gesehen werden. Für den zweiten Fall, die zunehmende Verkomplizierung von Theorien zur Erfassung nicht-regelkonformer Einzelfälle, gibt die über 2.000 Jahre hinweg vertretene Epizykeltheorie in der Astronomie ein gutes Beispiel ab. Diese stellt ein kompliziertes Modell zur Berechnung der Planetenumläufe unter der Annahme kreisrunder Laufbahnen dar, das mit jeder neuen Entdeckung weiterer Zusatzannahmen bedurfte. Kreisrund mußten die Umläufe sein, um dem Gedanken der „Sphärenharmonie“ genüge zu tun, in dem der Kreis für das Vollkommene steht – bis Johannes Kepler im 17. Jahrhundert die Kreise durch Ellipsen ersetzen konnte und das Modell hinfällig wurde.

Dies führt zu der Erkenntnis, das nicht die Religion hemmend auf den Fortschritt der Wissenschaft wirkt, sondern Dogmatismus im allgemeinen – sei er religiös motiviert oder nicht, von außen herangetragen oder aus den eigenen Reihen. Mit dem materialistischen Leitbild, das heute in den Forschungslabors nicht mehr hinterfragt werden darf, ist leider ein solcher Fall eingetreten – nämlich, „daß die Naturwissenschaft von ihren eigenen jahrhundertealten und inzwischen zu Dogmen verhärteten Annahmen ausgebremst wird. Wissenschaft wäre ohne diese Annahmen besser dran, nämlich freier und interessanter“, stellt Biologe Rupert Sheldrake fest und fügt hinzu: „Sie würde mehr Spaß machen.“ (14)


Sonntagsmesse der Ungläubigen

Zurück zum Neuen Atheismus. Hier zeigt sich inzwischen auch noch ein anderes, ganz erstaunliches Bild, das geradezu zu der Behauptung verleiten könnte, manchem seiner Anhänger würde ganz ohne Religion doch etwas fehlen: „Es sah aus wie ein typischer Sonntagmorgen in irgendeiner Mega-Kirche. Hunderte Menschen eine Stunde lang zusammengedrängt unter mitreißender Musik, einer inspirierenden Predigt, einer Lesung und stiller Reflexion. Nur eines fehlte: Gott.“ (11) Beschrieben wird eine der atheistischen „Sonntagsversammlungen“, wie sie derzeit vor allem in Großbritannien und den USA starken Zulauf erfahren. Die Veranstalter verstehen ihre Einrichtung als „eine gottlose Versammlung, in der das Leben gefeiert wird“ (2), unterstützt durch ein erfolgreiches Crowdfunding-Projekt mit dem ambitionierten Ziel, „Tausenden Städten und Dörfern sowie Millionen Menschen eine Gemeinschaft [zu] vermitteln, die ohne Religion auskommt“. Ganz ohne? Gemeinsame Rituale und Lieder, Predigt und Vertiefung – in dieser atheistischen Glaubensgemeinschaft, die derzeit „schneller als jede Kirche der Welt“ (13) wächst, fehlen nicht viele Merkmale organisierten Glaubens. Mittlerweile nicht einmal mehr das zeittypische Merkmal interner Unstimmigkeiten mit der Folge einer Abspaltung: So kündigten zuletzt drei Mitglieder der „Sonntagsversammlung“ an, eine eigene Splittergruppe zu bilden, da die ursprüngliche Versammlung „ein Problem mit dem Atheismus“ (6) habe und ihnen nicht konsequent genug auftrete. In Europa bemüht sich zeitgleich die „Atheistische Religionsgemeinschaft in Österreich“ unter dem Slogan „Eine neue Religion für das 21. Jahrhundert“ um die Anerkennung als eigenständige Bekenntnisgemeinschaft durch das Kultusamt. Vielleicht besser eine weitere Religion als gar keine Religion.


Wie Feuer und Wasser?

Für den Neuen Atheismus steht fest, daß Wissenschaft und Religion unvereinbar sind. „Wissen und Glauben sind wie Feuer und Wasser. Es gibt kein Gemeinsames.“ (15) Dies trifft aber nur zu, wenn beide wiederum dogmatisch auftreten – der Glaube blind, die Tatsachen ignorierend, und die Wissenschaft mit dem überzogenen Anspruch, die Fragen nach den letzten Dingen auf Grundlage von Beweisen klären zu können. Die Wissenschaft ist mit bestimmten verbreiteten Glaubensinhalten nicht vereinbar, nämlich solchen, die den Naturgesetzen offen widersprechen. Sie ist aber sehr wohl in Einklang zu bringen mit persönlicher Religiosität und dem Glauben an einen Gott, „der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbart“ (Albert Einstein). Wie Forschungsergebnisse zu interpretieren sind, bleibt jedem einzelnen überlassen, ebenso, wie wörtlich er Offenbarungsschriften verstehen möchte. Der Begriff der „Offenbarung“ ist – ähnlich wie jener der „Prophezeiung“ – ein rotes Tuch für den heutigen, in der Tradition der Aufklärung stehenden Rationalismus. Nach dem Grundgedanken der Aufklärung hat jeder Mensch die gleiche Möglichkeit zur Erkenntnis durch rechten Vernunftgebrauch, es gibt demnach keine privilegierte Erkenntnis. Auch dieser Grundgedanke ist jedoch keine belegte Tatsache, sondern wiederum nur eine von mehreren möglichen Auffassungen vom Wesen der Wirklichkeit, eine metaphysische Position.

Mit „mehreren möglichen Auffassungen“ ist jedoch kein Freifahrtschein zur Vertretung beliebiger Anschauungen gegeben! Philosophieprofessor Frederick Ferré († 2013) hat unter Rückgriff auf Alfred North Whitehead († 1947) vier Kriterien formuliert, denen eine weltanschauliche Überzeugung genügen muß, um ernstgenommen werden zu können (7):

• Sie muß in sich konsistent, das heißt widerspruchsfrei sein.

• Ein Überzeugungssystem muß zusammenhängend sein und nicht nur aus einer Reihe zusammenhangloser Einzeltheorien zur Erklärung verschiedener Phänomene bestehen.

• Eine tragfähige Weltanschauung muß offen sein, um neu hinzukommende Erkenntnisse einordnen und deuten zu können. Sie darf nicht bestimmte Gegebenheiten von vornherein ausblenden.

• Sie muß einen Bezug zur Erfahrung haben.

In diesen vier Kriterien zeigt sich das Potential, ja die Notwendigkeit zur Synthese von Wissenschaft und Religion. Denn während Glaubenssysteme oft ein Problem mit dem dritten Kriterium (Offenheit) haben, steht manche wissenschaftliche Auffassung in Konflikt zum vierten Kriterium (Erfahrungsbezug) – etwa, wenn der Mensch auf eine biologische Maschine ohne freien Willen reduziert wird.


Chancen durch den Neuen Atheismus

„Es ist, als würde nun auch die Aufklärung ihre Fundamentalisten hervorbringen. Mit Eifer und Zorn wird gegen alles zu Felde gezogen, was nur entfernt nach Unvernunft, Aberglaube, Weihrauch riecht“ (15), stellt ein Spiegel-Autor fest. Die vielen Einzelstreitigkeiten untereinander, mit denen die Glaubensgemeinschaften über Jahrhunderte hinweg beschäftigt waren, scheinen nun vor einem übergeordneten Konflikt in den Hintergrund zu treten: Theismus gegen Atheismus, Supernaturalismus gegen Naturalismus, Religion gegen materialistische Skepsis. So, wie der Gläubige seinen Glauben zu prüfen und zu hinterfragen hat auf Übereinstimmung mit der erfahrbaren Wirklichkeit, so schadet es, frei nach Sigmund Freud, auch dem Skeptiker nicht, „gelegentlich an seiner Skepsis zu zweifeln“ – oder, mit Philosoph Peter Möller, die Möglichkeit in Erwägung zu ziehen, daß ihm „eventuell die Sensibilität für bestimmte Seinsbereiche fehlt“.

Der Neue Atheismus kann als Gegengewicht zu einer überschäumenden Esoterik-Welle und fundamentalistischen Glaubensauswüchsen verstanden werden, wie sie in letzter Zeit sichtlich zunahmen. Er zwingt damit zu einer Rückkehr auf den Boden der Vernunft, wo dieser unter den Füßen verloren wurde. Wieder findet aber Aristoteles Bestätigung, der das rechte Maß in der Mitte zweier Extreme, hier pauschaler Skepsis und unkritischer Leichtgläubigkeit, verortete. Der Neue Atheismus hat dabei angestoßen, „daß um die Gottesfrage wieder öffentlich gerungen wird und die Frage nach Gott dadurch wieder im öffentlichen Raum angekommen ist“ (16) – auch wenn der Tonfall noch wenig konstruktiv ist. Mit Rupert Sheldrake, dem Vorkämpfer für einen umfassenden Paradigmenwechsel, bleibt damit die große Hoffnung verbunden: „Vielleicht geht das Zeitalter der bitteren Fehden und des gegenseitigen Mißtrauens, bedingt durch das materialistische Weltbild, jetzt zu Ende, und wir treten in ein neues Zeitalter ein, in dem Wissenschaft und Religion Seite an Seite forschen und sich gegenseitig bereichern.“ (14)

 

Literatur:

(1) Ian Barbour, Naturwissenschaft trifft Religion, Göttingen 2010
(2) Harry Cheadle, Auch Atheisten haben jetzt Kirchen, Vice, 23.10.2013 (online verfügbar)
(3) Richard Dawkins, Militant atheism, TED-Talk 2002 (online verfügbar)
(4) Richard Dawkins, The God Delusion, Boston/New York 2006
(5) Richard Dawkins, Why there almost certainly is no God, The Hufflington Post, 23.10.2006 (online verfügbar)
(6) Katie Engelhart, After a schism, a question: Can atheist churches last?, CNN belief blog, 04.01.2014 (online verfügbar)
(7) Winfried Löffler, Einführung in die Religionsphilosophie, Darmstadt 2006
(8) Alister E. und Joanna C. McGrath, Der Atheismus-Wahn, Asslar 2008
(9) Andreas Müller, „A Devil's Chaplain“ von Richard Dawkins, Humanistischer Pressedienst 2006 (online verfügbar)
(10) o. V., New Atheism, Damaris 2006 (online verfügbar)
(11) o. V., Atheist „mega-churches“ look for nonbelievers, USA today, 10.11.2013 (online verfügbar)
(12) Peter Prechtl, Descartes zur Einführung, Hamburg 2004
(13) Janek Schmidt, Jubeln ohne Gott, Die Zeit 42/2013 (online verfügbar)
(14) Rupert Sheldrake, Der Wissenschaftswahn, München 2012
(15) Alexander Smoltczyk, Der Kreuzzug der Gottlosen, Spiegel 22/2007 (online verfügbar)
(16) Klaus von Stosch, Neuer Atheismus im Gefolge des Darwinismus, Uni Paderborn (online verfügbar)

 

 
   
 
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