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  Die Bedeutung des „guten Willens“
 

Der „gute Wille“

– Seine Bedeutung aus Sicht von Kant und Augustinus –

 
  Der Beitrag erschien in Ausgabe 76 (Mai/Juni 2013) der »GralsWelt – Zeitschrift für ganzheitliches Denken und fördernde Lebenswege«.



„Voraussetzung für jede Ethik ist das Streben nach dem Guten“, schreibt Ulrich Wickert, und er hat recht. Keine Morallehre hat Bestand, die nicht auf diesen zwei Grundpfeilern aufbaut: Der Mensch hat einen FREIEN WILLEN, er kann also wählen, nach was er strebt – und er kann dafür zur Verantwortung gezogen werden. Er kann außerdem DAS GUTE wollen, ist also befähigt, recht zu handeln – keine Sittenlehre dürfte das sonst von ihm fordern. Schon der Kirchenlehrer Augustinus hat in seinen Frühschriften gezeigt, daß dem Menschen aus dem Wollen zum Guten alle Güter erstehen, nach denen er strebt: die Tugenden, Freiheit und dauerhaftes Glück. 1.400 Jahre später hat auch der Königsberger Philosoph Immanuel Kant seine Ethik auf das Fundament des guten Willens gestellt.


Für Augustinus ist der gute Wille „dasjenige, was allen irdischen Reichen und allen Lüsten des Körpers bei weitem vorzuziehen ist“ und demgegenüber alle diese Dinge „völlig zu verachten sind“. Auch Immanuel Kant mißt ihm einen eminenten Wert bei (siehe Kasten), wenn er darauf hinweist, daß vieles von dem, was wir als gute Eigenschaften oder gar Tugenden bezeichnen, ohne die treibende Kraft eines guten Wollens ebenso zum Bösen mißbraucht werden kann. Ein Beispiel des Politologen und Sozialphilosophen Iring Fetscher mag dies verdeutlichen: „Fleiß im Begehen einer Missetat und Zuverlässigkeit in der Zusammenarbeit mit einem Verbrecher sind höchst schädliche Verhaltensweisen […]“

Ist die Grundhaltung eines Menschen von unlauteren Motiven geprägt, die ihn nach moralisch verwerflichen Zielen streben lassen, so spricht Augustinus vom bösen Willen. In diesem bösen Willen, der wesentlich in Begierde und Habsucht begründet liegt, sieht er die Wurzel allen Übels: „Jedes Gute ist entweder Gott oder von Gott“ – und jedes Böse hat seinen Ursprung im falschen Wollen des Menschen, allgemeiner: einer Kreatur, die zur freien Entscheidung fähig ist.

 

Guter Wille – Gute Taten

Gut ist jener Wille, „durch den wir rechtschaffen und ehrenhaft leben und zur höchsten Weisheit gelangen wollen“, definiert Augustinus. Kant betont, daß dieser Wille „freilich nicht etwa als ein bloßer Wunsch, sondern als die Aufbietung aller Mittel, soweit sie in unserer Gewalt sind“, zu verstehen ist. Wer also das Gute wirklich will, der wird darum kämpfen, auch tatsächlich rechtschaffen zu handeln, so Kant: „Ich verknüpfe mit dem Willen, ohne vorausgesetzte Bedingung aus irgendeiner Neigung, die Tat a priori, mithin notwendig […]“

Was ist nun unter dem rechtschaffenen Leben zu verstehen, nach dem der gute Wille strebt, wie Augustinus sagt? „Für ihn ist ein gutes Leben ein auf Gott ausgerichtetes Leben“, so der profunde Kenner Volker Henning Drecoll, und entsprechend handelt die Seele auch immer dann auf rechte Weise gut, „wenn sie die Schöpfungsordnung im Blick behält“. Um sein Leben jedoch überhaupt auf Gott ausrichten zu können, bedarf es zwingend des guten Willens. Dieser ist „das Mittel der Verbindung zwischen Mensch und Gott“, wie Waltraud Maria Neumann in ihrer Dissertation über Augustins Schrift darlegt.

Abgesehen davon, daß der Mensch mit seinem Gewissen, der inneren Stimme, ohnehin über ein machtvolles Werkzeug zur Unterscheidung von Gut und Böse verfügt, gibt Kant zusätzlich ein rationales Kriterium zur Überprüfung der Integrität des eigenen Wollens:

„Was ich also zu tun habe, damit mein Wollen sittlich gut sei, dazu brauche ich gar keine weit ausholende Scharfsinnigkeit. Unerfahren in Ansehung des Weltlaufs, unfähig, auf alle sich ereignenden Vorfälle desselben gefaßt zu sein, frage ich mich nur: Kannst du auch wollen, daß deine Maxime ein allgemeines Gesetz werde? Wo nicht, so ist sie verwerflich.“

Der große Denker der Aufklärung führt hier seinen berühmten kategorischen Imperativ ein: Eine Handlung ist dann moralisch gut, wenn der Grundsatz, auf dem sie beruht, ohne Bedenken als eine allgemeine Richtlinie ausgerufen werden könnte, nach der hinfort alle Menschen handeln sollen – ohne daß daraus ein Chaos entsteht.

 

Guter Wille und die Tugenden

Anhand der vier klassischen Kardinaltugenden – Weisheit, Mäßigung, Gerechtigkeit und Tapferkeit – zeigt Augustinus die wechselseitige Beziehung zwischen einem guten Willen und der Tugendhaftigkeit. Mehr noch: Ein Mensch, „der seinen guten Willen hochschätzt und liebt“, ist notwendig zugleich auch ein tugendhafter Mensch.

1. Weisheit: Um rechtschaffen zu leben, bedarf es der Weisheit, denn nur wer an ihr Anteil hat, sieht, „welches Schlechtere dem Höheren unterzuordnen“ ist, und besitzt „das Wissen um die zu erstrebenden und zu meidenden Dinge“. Der Tor hingegen „will nicht die erforderliche Mühe auf sich nehmen, seinen Willen auf die höchste Weisheit hinzurichten“, also auf die Wahrheit, die in Gott liegt. Wer aber den guten Willen in sich trägt, der hat diesen Schritt bereits getan, hat also schon Anteil an der Weisheit.

2. Mäßigung: Sie ist die Haltung, „die das Verlangen zügelt“ – wer aber guten Willens ist, der widersetzt sich von selbst allen Versuchungen, die ihn vom rechten Weg abbringen möchten. Damit hat der Gutwollende auch die Tugend der Mäßigkeit bereits verinnerlicht.

3. Gerechtigkeit: Wer ernsthaft das Gute will, „der kann niemandem böse wollen“. Er fügt also auch keinem seiner Mitmenschen unnötiges Leid zu, müht sich stets, gerecht zu handeln.

4. Tapferkeit: Augustinus sieht in ihr die innere Haltung, „durch die wir alle Schädigungen und allen Verlust von solchem, über das wir keine Macht haben, geringschätzen“. Wer das große Wollen zu dem Guten in sich trägt, der steht dem Verlust irdischer Güter gleichmütig gegenüber, weil er nach Höherem strebt. In unbedingtem Vertrauen und im Wissen darum, daß mit dem Erdentod nicht alles vorbei ist, kann er sogar einer Gefahr für Leib und Leben ruhig und tapfer entgegenschreiten.

Wo Augustinus das Augenmerk darauf richtet, wie der gute Wille die Tugend bestärkt, hebt Kant die Gegenseite hervor: Manche Eigenschaften festigen umgekehrt die Stärke des guten Willens und sind daher besonders wertvoll:

„Einige Eigenschaften sind sogar diesem guten Willen selbst beförderlich und können sein Werk sehr erleichtern […] Mäßigung in Affekten und Leidenschaften, Selbstbeherrschung und nüchterne Überlegung sind nicht allein in vielerlei Absicht gut, sondern scheinen sogar einen Teil vom inneren Werte einer Person auszumachen […]“

 

Guter Wille und Freiheit

Frei sein heißt, tun und lassen zu können, was man will – und schon gar nicht vorgeschrieben zu bekommen, wie man sein Leben zu gestalten habe. Oder?

Die Ethik unterscheidet sich von allen anderen Wissenschaften: Diese arbeiten in der Regel deskriptiv (beschreibend), die Ethik jedoch vorwiegend präskriptiv (vorschreibend); sie formuliert Sollensansprüche, normative Forderungen an den Menschen. Immanuel Kant geht dabei besonders weit: Er formuliert ein universell gültiges Sittengesetz – den kategorischen Imperativ –, dem sich niemand entziehen darf, und baut seine Lehre wesentlich auf dem Begriff der Pflicht auf. Als vernunftbegabtes Wesen sei der Mensch der Moral verpflichtet. Greift Kant damit nicht wesentlich in unsere innere Freiheit ein, sollen wir uns das gefallen lassen?

Ja – denn Kant zeigt einen verblüffenden Zusammenhang: Das Sittengesetz, das uns moralisches Handeln vorschreibt, ist nur dann eine unangenehme Forderung, ein Zwang, wenn wir uns ihm entgegenstellen. In Wirklichkeit ist Freiheit nämlich die „Eigenschaft des Willens, sich selbst ein Gesetz zu sein“. Wer innerlich frei ist, der ist nicht erhaben über die Gesetzmäßigkeiten, im Gegenteil: Er steht mit ihnen so weit in Einklang, daß er sie sich selbst vorschreibt, aus eigenem Wollen heraus. Kant formuliert dies in seiner Terminologie so:

„Daher gelten für den göttlichen und überhaupt für einen heiligen Willen keine Imperative; das Sollen ist hier am unrechten Orte, weil das Wollen schon von selbst mit dem Gesetz notwendig einstimmig ist.“

Wer den guten Willen in sich trägt, strebt danach, mit den Gesetzmäßigkeiten in Einklang zu leben. Dies bedeutet am Ende jedoch kein schmerzliches Entsagen, keine erzwungene Disziplin: „Das moralische Sollen ist […] ein eigenes notwendiges Wollen“ geworden. So rückt Kant auch den Begriff der Pflicht in ein weitaus angenehmeres Licht, denn „ob wir gleich unter dem Begriffe von Pflicht uns eine Unterwürfigkeit unter dem Gesetze denken“, sehen wir darin „doch zugleich eine gewisse Erhabenheit und Würde an derjenigen Person, die alle ihre Pflichten erfüllt“. Wenn eine Handlung Pflicht ist, so ist sie notwendig – für Kant jedoch nur aus einem Grund: „aus Achtung fürs Gesetz“. Es liegt also gerade in der freiwilligen Pflichterfüllung etwas Großes, das vom guten Willen nicht zu trennen ist. Augustinus ist hier derselben Meinung, auch für ihn „gibt es keine wahre Freiheit außer der Freiheit der Glücklichen und derer, die dem ewigen Gesetz anhängen“.

 

Guter Wille und dauerhaftes Glück

Freiheit und Glückseligkeit – zwei Urbedürfnisse des Menschen, die viel miteinander zu tun haben, und beide sind auch von dem Wollen zum Guten nicht zu trennen.

Während für Aristoteles die Glückseligkeit das höchste Gut, also das oberste Ziel des Menschen war, erkennt Augustinus: Glück ist nicht selbst das höchste Gut, sondern das, was aus dem „Erreichen und Besitzen des höchsten Gutes“ – der Wahrheit, die Augustinus mit Gott gleichsetzt – erst resultiert. So definiert er Glück als den „Zustand des Geistes, der dem unveränderlichen Gut anhängt“, oder allgemeiner als „Erfüllung der Liebe im Einswerden des Willens mit dem Ziel“, wobei das unveränderliche Gut und das Ziel jeweils Gott ist. Wer aber strebt nach diesem Gut, diesem Ziel, als allein der gute Wille? Deshalb ist ihm, folgt man Augustinus, das dauerhafte Glück vorbehalten. Kant formuliert hier vorsichtiger: Der gute Wille macht den Menschen zunächst einmal würdig, glückselig zu werden – er wird es aber nicht unbedingt jetzt schon unmittelbar.

Augustinus erklärt aus dem Zusammenhang zwischen Glück und gutem Wollen, weshalb so viele Menschen unglücklich sind, wo doch sicher alle nach Glück und Zufriedenheit streben:

„Denn die Glücklichen, die auch gut sein müssen, sind nicht deswegen glücklich, weil sie glücklich leben wollen – das wollen ja auch die Bösen –, sondern weil sie rechtschaffen leben wollen, was die bösen nicht wollen.“

Und Immanuel Kant ergänzt diese Erklärung mit dem Befund, daß die Menschen zwar alle glücklich werden möchten, jedoch gar nicht wissen, worin Glück überhaupt liegt, woraus es resultiert. Er zeigt in diesem Zusammenhang die möglichen Schattenseiten vieler Dinge, von denen wir uns üblicherweise Glückseligkeit erhoffen: Reichtum, Erkenntnis, Gesundheit und ein langes Leben (siehe Kasten). Wer zieht schon in Erwägung, daß langfristig gedacht – über dieses Erdenleben hinaus – Glück in einem rechtschaffenen Leben liegen könnte, worin Gerechtigkeit läge?

 

Das alles ist erreichbar!

Ist der gute Wille – und mit ihm Tugend, Freiheit und Glück – eine Utopie, eine realitätsferne Vision, weil der Mensch schlichtweg schwach und boshaft ist? Abgesehen von der Gnadenlehre, die in den frühen Schriften des Augustinus bereits anklingt und in seinem zunehmend theologisch geprägten Spätwerk dann eine zentrale Stellung einnimmt, gibt Augustinus auch noch andere Gründe zur Hoffnung:

• Der Mensch ist im Grunde seines Wesens gut. Wäre er es nicht, so dürfte niemand eine moralische Forderung an ihn stellen, so dürfte ihn auch niemand ob seiner Schlechtigkeit kritisieren: „Es kann kein Fehler an etwas getadelt werden, wenn dessen Natur nicht gelobt wird.“ Indem ich einen Fehler tadle, unterstelle ich, der Fehler sei „gegen die Natur dessen, dessen Fehler er ist“ – ich halte den Gerügten also für gut.

• Der Mensch ist nicht nur gut, ihm ist auch das Ziel seiner Entwicklung und der Wegweiser dorthin mitgegeben. Ihm sind nach Augustinus, so der Philosophiehistoriker Johannes Hirschberger, „die Gesetze des Guten unauslöschlich eingeschrieben“, ebenso der Begriff des Guten. Der Mensch weiß also tief in sich, was gut und richtig ist, der Schöpfer hat ihn „von Anfang an auf die Empfänglichkeit für das höchste Gut angelegt“. Die Tatsache, daß ihm das Wissen um die Weltordnung eingeprägt wurde, bedeutet zugleich „für den Menschen somit die Aufgabe, sein Leben auf diese Ordnung hin auszurichten“, so Hirschberger.

• Als das Höchste im Menschen beschreibt Augustinus den „vernünftigen Geist“, der „das Haupt unserer Seele“ darstellt. Und weil er das Haupt ist, steht fest, daß „der Geist mehr vermag als die Begierde, eben deshalb, weil er das Begehren mit Fug und Recht beherrscht“. Der Mensch ist seinen Trieben und Leidenschaften also keineswegs ausgeliefert, wie auch Kant mit Nachdruck äußert. Alles hängt allein am Willen des Menschen: Der Geist wird „durch nichts aus der Burg seiner Herrschaft und aus der rechten Ordnung hinausgeworfen […] als nur durch den Willen“, und es liegt allein an ihm, wenn der Mensch „sich von dem entfernt, wonach er aufgrund seines in der Schöpfung angelegten natürlichen Gutseins zutiefst streben müßte“. So verheißt Kant, ein Reich des Friedens „würde nun durch Maximen, deren Regel der kategorische Imperativ allen vernünftigen Wesen vorschreibt, wirklich zustande kommen, wenn sie allgemein befolgt würden“.

Müssen wir nicht trotzdem verzagen, weil der gute Wille ein fernes Ziel ist, das zu erreichen lebenslange Bemühung erfordert? Nein, sagt Augustinus: „Seinen guten Willen zu lieben und […] hoch zu schätzen“, ist „schon selbst der gute Wille“. Er wird von allein immer stärker, wenn der Mensch nur „dieses sein Wollen mehr will als die flüchtigen Güter“.
 

Literatur:

(1) Augustinus: De libero arbitrio – Der freie Wille. In: Johannes Brachtendorf und Volker Henning Drecoll (Hrsg.): Augustinus. Opera – Werke. Zweisprachige Ausgabe, Band 9, Paderborn u. a. 2006

(2) Drecoll, Volker Henning (Hrsg.): Augustin Handbuch, Tübingen 2007

(3) Hirschberger, Johannes: Geschichte der Philosophie. Band 1: Altertum und Mittelalter, Frechen 1999

(4) Kant, Immanuel: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Mit einer Einleitung versehen und hrsg. von Bernd Kraft und Dieter Schönecker, Hamburg 1999

(5) Neumann, Waltraud Maria: Die Stellung des Gottesbeweises in Augustins 'De libero arbitrio', Hildesheim u. a. 1986

(6) Wickert, Ulrich (Hrsg.): Das Buch der Tugenden. 2. Auflage, München 2009 

 
   
 
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