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  Die unterschätzte Sehnsucht
 

„In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut

– Die unterschätzte Sehnsucht –



Erschienen in Ausgabe Nr. 86 (Januar/Februar 2015) des Magazins »GralsWelt – Zeitschrift für ganzheitliches Denken und fördernde Lebenswege«



Mit einem gewissen Unverständnis steht der moderne Mensch vor dem Pathos der Werke ganzer Epochen, vor der idealistischen Glut des Sturm und Drang oder dem Weltschmerz der Romantik. Er wundert sich vielleicht auch, weshalb die Suche nach Sinn und Geborgenheit in der Transzendenz, die Hinwendung zu Religion und Glaube, kein Ende nimmt, ja allem Fortschritt, aller „Aufklärung“ zum Trotz sogar wieder verstärkt aufblüht.

Es ist offenbar eine Sehnsucht im Menschen, die zwar zeitweilig zu unterdrücken geht, sich aber doch die ganze lange Geschichte hindurch immer wieder ihren Weg bahnt, in immer neuer Form zum Ausdruck kommt. Heute führt sie ein zurückgedrängtes Nischendasein, findet nur noch ganz wenige Gelegenheiten, zu denen wir uns „ihrer nicht erwehren können“ und ein ferner, fremdgewordener Zauber uns zu berühren scheint. Ein sentimentales Relikt aus den Kindheitstagen der Menschheit – oder doch mehr?
 

Ein unverzichtbarer Antrieb

„Das Menschsein braucht die Energie, die sie freisetzt“, so Philosophie-Professor Wilhelm Schmid in einem Aufsatz über die Sehnsucht, die er für unverzichtbar hält. Und in der Tat: In dem Idealstreben, das sich aus Sehnsucht nährt, ist die beste Voraussetzung für begeisterten Tatendrang gegeben. Sehnsucht, aus der eine Vision entsteht, ist es auch, die Menschen antreibt, die Welt verbessern zu wollen, sich mit dem jetzigen Zustand nicht zufriedenzugeben. Sie treibt uns an, kann uns schmerzlich zeigen, daß die Welt noch nicht so ist, wie sie sein könnte – ruft uns damit auch ins Bewußtsein, wie groß die Kluft ist zwischen dem, was wir sind, und einem leuchtenden Ideal in der Höhe. Sie ist ein Garant dafür, daß wir Werte, Tugend und ein Ziel, das über den Broterwerb im Alltag weit hinausgeht, nicht aus den Augen verlieren, ein Motor guten Wollens.

Sehnsucht erinnert uns auch daran, daß wir doch mehr sind als eine denkende Arbeitsmaschine, ein sprechender Primat, ein hormongesteuerter Organismus – selbst wenn es manchmal einen anderen Anschein haben mag. Gemüt, Empfindung, Geist meldet sich in ihr zu Wort; im Grunde das, was uns überhaupt erst zum Menschen macht, höherrangige Grundbedürfnisse, die mit dem Körper und seinen Bedürfnissen nichts mehr zu tun haben. Ohne die Sehnsucht wäre uns schnell Essen, Trinken, Schlafen, Sexualität genug! Sie hätten dann wohl auch keinen Grund mehr, diesen Artikel über den Titel hinaus zu lesen. Nichts würde uns mehr drängen, nach Erkenntnis zu suchen, nach Harmonie, nach Entwicklung.
 

Sehnsucht heute?

Heute werden der Sehnsucht Synonyme wie „Begierde“, „Verlangen“ und „Leidenschaft“ zur Seite gestellt. „Sehnsucht zeigt die Sucht nach jemandem“, heißt es in einem Online-Magazin, und viele Menschen haben „Sehnsucht nach einem neuen Auto“. Wenn hier auch andere Wörter angebrachter wären, so spiegelt der Gebrauch des Wortes doch eine Wirklichkeit wider: Wissen wir noch, was Sehnsucht ist? Wie oft ist da ein Gefühl der Unruhe, ein Bedürfnis, das nicht näher einzuordnen geht. In der Regel folgt dann die Flucht in Änderungen und Ersatzbefriedigungen, doch der Umzug, der Filmmarathon und der Eßanfall sind nur eine kurze Betäubung, das erwartete Gefühl der Erfüllung bleibt aus. Kaum bewußt sind uns auch die vielen Projektionen, die hier an der Tagesordnung sind: Da ist etwa die „Sehnsucht nach Zärtlichkeit“, in der sich mancher einredet, es fehle ihm allein die Gegenwart des geliebten anderen, die ihm zu seinem Glück für immer genug sei. Ist dieser Wunsch dann erfüllt, zeigt sich irgendwann doch wieder das Gefühl einer Leere, die seltsamerweise noch da ist – vielleicht, weil eine im Grunde viel unspezifischere Sehnsucht nach Geborgenheit im Sein, nach Halt und Orientierung im Leben, auf einen Menschen (oder ein Ding im Falle des Autos) umgedeutet und verengt wurde.

Immer seltener scheinen auch die Räume zu werden, die echter Sehnsucht Platz bieten. Die Künste, etwa Musik, Malerei, Literatur oder Tanz, haben sich heute andere Aufgaben erwählt. Auf den Theaterbühnen werden zwar noch alte „Klassiker“ gespielt, doch oft gerade in einer Weise zwangsmodernisiert, die das Potential der Stücke, Sehnsucht zu erwecken, in Komik abgleiten lassen – etwa wenn Margarete im „Faust“ oder die tugendhafte Bürgerstochter Luise Miller in „Kabale und Liebe“ dem Publikum zuliebe nicht mehr ganz so fromm und sittsam auftreten. Gerade hier wird, ebenso im Film, viel zerstört, das die Seele erhebend ansprechen könnte, auch im Hinblick einer „ästhetischen Erziehung des Menschen“, wie sie Schiller mit so guten Gründen gefordert hat – um dafür billig, aber ohne Sicht auf mögliche Folgen, flaches Begehren zu bedienen. Können wir es Goethes Faust, dem großen von Sehnsucht getriebenen Sinnsucher, noch nachfühlen, wenn er beim Klang der Osterchöre spricht: „Ein unbegreiflich holdes Sehnen / Trieb mich durch Wald und Wiesen hinzugehn, / Und unter tausend heißen Tränen / Fühlt ich mir eine Welt entstehn“?
 

Das seelenvolle Echo

Es gab eine Zeit, in der es die Kunst noch als ihre Aufgabe ansah, den Betrachter anzurühren, unmittelbar sein Gemüt anzusprechen – der frühromantische Maler Caspar David Friedrich etwa vertrat diesen Standpunkt. „Seelenvoll“ sollten seine Stimmungslandschaften wirken, sehnsuchterweckend – und sie sind es. In derselben Zeit schrieb Matthias Claudius sein bewegendes Abendlied: „Der Wald steht schwarz und schweiget / Und aus den Wiesen steiget / Der weiße Nebel wunderbar …“ Und ein weiterer Zeitgenosse, der Dichter Novalis, machte die Sehnsucht greifbar wie kaum jemand zuvor in seinen mystischen „Hymnen an die Nacht“: „Unendlich und geheimnisvoll / Durchströmt uns süßer Schauer / Mir deucht aus tiefen Fernen scholl / Ein Echo unsrer Trauer …“

Schnell ist man heute damit bei der Hand, die geheimnisvoll tiefe Wirkung dieses Gedichtzyklus mit dem Hinweis wegzuerklären, daß Novalis – nicht gerade zeituntypisch – ihn wahrscheinlich im Opiumrausch schrieb. Doch dies ändert nichts daran, daß ein solcher in der Regel nur eine schon bestehende Grundstimmung zu verstärken vermag. Und diese, die auch die anderen Werke des Novalis durchzieht, beschrieb er hier in den schönen Worten: „In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut …“ – Wer Wehmut fühlt, der empfindet den Verlust von etwas sehr Wertvollem, einen Verlust, den der verständnislose Betrachter vielleicht nur selbst noch nicht bei sich bemerkt hat. Ist es Zufall, daß uns dieses Gefühl gerade in der Weihnachtszeit besonders heimsucht? Oder beim Betrachten friedlicher Landschaften und ferner Horizonte – des weiten Meeres, der schweigenden Wüste, eines glühenden Sonnenuntergangs? Eindrücke von Harmonie, Friede, stillem Glück, auch von Liebe und Dankbarkeit, ja von allem, was Anklänge an Unvergängliches birgt, können eine mehr oder minder starke Resonanz tief im Menschen auslösen – je nachdem, wie sehr geöffnet er gerade dafür ist. Wohl darum sah es auch Novalis als seine Aufgabe als Künstler, „dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehn, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein“ zu geben.

Der andere Fall, in dem sich Sehnsucht bemerkbar machen kann, ist, wenn Lichtvolles in besonders schreiendem Maße abwesend ist. De profundis clamavi ad te Domine – „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“, wie es in Psalm 130 der Bibel so eindringlich heißt. In der Einsamkeit, in der Kälte, im Dunkel wird das Sehnen besonders stark. Auf einen Nenner gebracht, ist es also inneres Erleben – schön oder unschön –, für das seelische Lebendigkeit die Voraussetzung ist, das die so wichtige Sehnsucht in uns wecken und stärken kann. Am gefährlichsten ist dafür die Gleichförmigkeit, innerer Leerlauf – auch wenn das äußere Leben „actionreich“ gestaltet sein mag. Seine Ruhe zu haben, nichts mehr anstreben zu müssen, gesättigt zu sein, wäre die größte Bremse für jede Weiterentwicklung; mit Novalis: „Es wogt das volle Leben / Wie ein unendlich Meer.“

Am Maß unserer Sehnsucht läßt sich ermessen, wie voll das Leben in uns noch ist – schrieb doch schon Goethe in einem Entwurf zu „Dichtung und Wahrheit“ die schwerwiegenden Worte: „Niemand, wenn er auch noch so viel besitzt, kann ohne Sehnsucht bestehen.“

 
   
 
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