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  Fußballkult: Volkssport oder Religion?
 

Fußballkapellen und Stadiongebete

– Ein Volkssport auf dem Weg zur Religion –



Der Beitrag erschien als Titelthema der Ausgabe Nr. 82 (Mai/Juni 2014) der »GralsWelt – Zeitschrift für ganzheitliches Denken und fördernde Lebenswege«.

 



(Gemeinsam beten für die gute Saison.

Oder: Mit der FCA-Fahne in die Kirche.)


Die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wird wieder zeigen, wie stark das Herz vieler Menschen für den Fußballsport und die eigene Mannschaft schlägt. Der beobachtbare Trend hin zu einem Massenkult trägt vielerorts bereits deutliche Anzeichen von Religion und Lebensersatz. Alles nur ein Spiel?


„Ausnahmezustand in Athen: Das Land brennt und bebt“ – nein, der Spiegel-Artikel zu dieser Schlagzeile berichtet nicht von einer Naturkatastrophe oder bürgerkriegsähnlichen Zuständen, sondern nur vom Sieg der griechischen Fußballmannschaft bei der Europameisterschaft 2004. Sollten „wir“ beziehungsweise „unsere“ Mannschaft dieses Jahr auch so erfolgreich sein, darf mit ähnlich frenetischem Jubel gerechnet werden: Freudentränen, Herzinfarkte, hupende Autokolonnen – und mittendrin die in Fanartikel gehüllten, stolzen Bürger aller Altersklassen, Hymnen grölend, inbrünstig in Vuvuzelas blasend und die Nationalfahne schwenkend. Buchstäblich ein Heidenlärm, aber auch energiegeladene Menschen und ein unbeschreibliches Gemeinschaftsgefühl. Was könnte nicht Großes erreicht werden mit solch einer Begeisterung, dem Elan von Abermillionen Menschen! Doch leider scheint der Sozialpsychologe Prof. Gerhard Vinnai recht zu haben, wenn er feststellt: „Einzig der Sport bewegt die Massen noch massenhaft.“ (1)


Mehr als eine Sportart

Aus Fangesängen läßt sich unschwer heraushören, daß Fußball für die Betreffenden mehr ist als eine bloße Sportart; sie definieren vielmehr ihre Identität darüber. Die Titel der Lieder sprechen für sich: „Borussia, ich leb' nur noch für dich“, „FC Köln, mein Lebenselixier“. Ebenso einzelne Liedzeilen: „Bochum unser Lebensquell, gibst uns immer neue Kraft“ und „Für dich leben wir, für dich lieben wir, für dich sterben wir, Eintracht Frankfurt“ (zitiert nach fangesaenge.de). Interessanterweise handelt es sich dabei nicht nur um spontane euphorische Ausbrüche, wie die Existenz zahlreicher Facebook-Gruppen mit Titeln wie „Fußball – meine Religion“ und „Fußball ist mein Leben“ beweist. Dem pflichtet Prof. Vinnai bei: „Der Fußballkult ist in unserer Gesellschaft zu einer Art Lebensersatz geworden. Die unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zur Fußballweltmeisterschaft kulturindustriell angeheizte Fußballbegeisterung macht dies besonders sichtbar.“ (1) Aber schadet das denn?


Chancen und Erfolge

Ein Staat kann es sich kaum besser wünschen: Nicht nur kurbelt das enorme Fußball-Geschäft die Wirtschaft an, auch das Volk ist bekanntlich – und wie schon der römische Satirendichter Juvenal wußte – zufrieden, solange ihm neben Brot Spiele Kurzweil verschaffen. Generationskonflikte und ethnische Feindseligkeiten kommen für den Moment des Wir-Gefühls zum Erliegen, neue Freundschaften mit Gleichgesinnten werden geknüpft. Von der friedlichen Stimmung während des deutschen „Sommermärchens“ 2006 wurde geschwärmt und von der verbindenden Kraft des Fußballsports. Dazu seien zwei Gedanken erlaubt: 1. Im normalen Fanalltag beschränkt sich diese ausgeprägte Solidarität auf die eigene Mannschaft und deren Anhänger – die anderen sind in der Regel die „Gegner“. Eine solche Form des Zusammenhalts läßt sich auch für jede Art von extremer Gruppierung nachweisen und ist wohl nichts, was besonderen Lobes bedarf.

2. Ein friedliches Miteinander mit Fans der anderen Mannschaft sollte, da es sich hier um eine Sportart und nicht um einen existentiellen Konflikt handelt, so selbstverständlich sein, daß es keiner Erwähnung bedarf. Eine andere, sozialpsychologische Frage wäre hierbei außerdem, ob das erzeugte Wir-Gefühl nicht illusionär ist. (1)

Dennoch sei zugestanden, daß der Fußballsport zumindest ein angelegtes Potential hätte, zur Völkerverständigung beizutragen.

Es könnte noch darauf verwiesen werden, daß die Deutschen dank der Fußball-WM wieder zu einem gesunden nationalen Selbstbewußtsein (Stichwort Patriotismus) gefunden hätten. Doch auch diese These erscheint zweifelhaft – verkörpert sportliche Leistung auf dem Gebiet des Fußballs ein Land und seine Errungenschaften? Wohl kaum. Und was gibt uns das Recht, auf die „Taten“ von elf Spielern, mit denen wir nichts zu tun haben, stolz zu sein, als wären es unsere eigenen? Zumindest in diesem Fall scheinen mir die kritischen Worte Voltaires angebracht: „Was ist Vaterlandsliebe? Ein Gemisch von Eigenliebe und Vorurteilen.“
Nicht zuletzt liegen möglicherweise auch psychologische Vorteile auf der Hand: „Wenn die eigene Mannschaft gewonnen hat, kann man sich selbst als Sieger fühlen und rauschhaft triumphieren – auch wenn man sonst im Alltag eher zu den Verlierern gehört.“ (2) Vinnai spricht von einer Entschädigung für Entsagungen des Alltags, warnt allerdings, daß das Glücksgefühl – das sich selbstverständlich nur bei Erfolgen der Mannschaft einstellt – auf tönernen Füßen einer angehenden Realitätsflucht steht. „Die Entlastung von den Zwängen der Realität, welche sie gewährt, hebt das Leiden an dieser nicht auf, sondern hilft nur, es kurze Zeit aus dem Bewußtsein zu verdrängen.“ (1) Und handelt es sich dabei um echtes, tief erfüllendes Glück? Vinnai spricht hier lieber von einer „narzißtischen Beglückung“, die schnell ins Gegenteil umschlägt, wenn der Erfolgskurs der Mannschaft ein Ende hat.

 

Helden, Hiebe, Herzprobleme

In Anbetracht ihrer produktiven Leistung wohl eher überbezahlte Fußballstars bekommen von der Presse den Ehrentitel „Helden“ verliehen, sogar Erwachsene sammeln und tauschen infantil kleine Bildchen ihrer Stars, von den Zimmerwänden der Kinder und Jugendlichen blicken die Idole herab. Wir lernen Daten unserer Vereine und Vorbilder auswendig, um mitreden zu können, steigern uns in Wut angesichts „schlechter“ Spieler und unfairer Schiedsrichter, manches Zusammentreffen „verfeindeter“ Fantrupps eskaliert in Gewalt. Auch die eigene Ehefrau bleibt manchmal nicht vor überbordenden Aggressionen verschont: „Frauen werden in Deutschland vorwiegend am Mittwoch verprügelt, wenn die wichtigsten internationalen Begegnungen stattfinden, und in Italien vor allem am Sonntag.“ (3) Für den begeisterten Fan selbst erhöht sich während des Spiels das Herzinfarktrisiko signifikant – immer wieder kommt es zu Todesfällen. „Doch wie kann es sein, daß Fans so sehr mit ihrer Mannschaft mitfiebern, daß es sie das Leben kostet? ,Bei richtigen Fans verschmilzt das Ich mit dem Verein – wenn der Verein verliert, verliert der Fan', erklärt Sportpsychologe Kleinert. Seiner Erfahrung nach finden Fans eine Niederlage ihrer Mannschaft häufig sogar noch schlimmer als die Spieler selbst. Das komme daher, daß der Verein der Lebensinhalt der Fans sei.“ (4)

 

Vom Hobby zum Hang

Im Internet findet sich vielfach die Aussage: „Fußball ist meine Droge“ – gedruckt auf Aufkleber und T-Shirts, als Name von Interessenvereinigungen und als freimütige Selbstaussage. Nur eine scherzhafte Überzeichnung oder eine traurige Wahrheit?

Bei jedem Spiel dabeisein, den Terminkalender um wichtige Spiele herum organisieren, während des Spiels keine Unterbrechung dulden und kaum einen Tag ohne Fußball vergehen lassen. Der Rausch im Stadion, Adrenalin und Endorphine im Blut – macht Fußball abhängig? Ja, unter Umständen – vieles im Verhalten sogenannter „treuer Fans“ spricht dafür, und auch erste Experten zeigen sich besorgt: „Was zunächst wie die lächerliche Übersteigerung eines Hobbys klingt, ist in den Augen des Pädagogen Fedor Weiser ein ernstzunehmendes Problem: ,Die Fußballsucht ist eine von vielen nicht-stofflichen Süchten', sagt der Mitarbeiter des Instituts für Berufs- und Sozialpädagogik in Pohlheim. Er ist auch Autor des Buches ,Fußball als Droge'.“ (5) Vorsicht ist also geboten, wenn die Liebe zum Sport zu sozialen oder beruflichen Einschränkungen führt, andere Freizeitaktivitäten kaum mehr vorhanden sind oder die Familie das Nachsehen hat.

 

Eine neue Religion entsteht

Fanshops bieten T-Shirts mit Aufschriften wie „Fußball ist mein Leben“ an, manch einer läßt sich sogar mit Trikot im vereinsfarbenen Sarg beerdigen. (6) 2008 wurde zu diesem Zweck in Hamburg der Fan-Friedhof des HSV eröffnet, dessen Eingangspforte einem Fußballtor gleicht und dessen Rasen original aus dem Stadion kommt. Zur Beisetzung wird auf Wunsch das Vereinslied gespielt, nur dem Wunsch eines HSV-Mitglieds, für seine Urne einen Dauerplatz im Stadion zu reservieren, konnte aus rechtlichen Ordnungen nicht nachgekommen werden. Wer darauf besteht, findet zumindest in den Niederlanden die Möglichkeit, seine Asche im Stadion verstreuen zu lassen, oder alternativ in England das Angebot, seine Urne am Spielfeldrand des Erstligisten FC Everton vergraben zu lassen. (7)

Countdowns im Internet zählen die Tage, Minuten und Sekunden bis zum Anpfiff beim Eröffnungsspiel der nächsten WM. Prof. Gerhard Vinnai spricht, mit Bezug auf die ins Sakrale gehende Aufladung der Events und die damit verbundenen Erwartungen, von einer „periodisch wiederkehrenden 'Erlösungshoffnung'“. (1)

Das allvierjährliche Fiebern auf die Fußball-WM läßt Prof. Gerhard Vinnai von einer „periodisch wiederkehrenden ,Erlösungshoffnung’“ sprechen.

Wer nicht zumindest während der Weltmeisterschaft dem Fußballfieber anheimfällt, gerät zumindest als Mann geradezu in Verdacht, nicht ganz normal zu sein – oder das eigene Land nicht zu unterstützen: „,Was? Du schaust heute nicht Fußball? Aber du bist doch ein Mann!' […] Ich traue mich ja kaum noch den Fernseher einzuschalten – beziehungsweise abzuschalten, denn die Gefahr ist zu groß, mich auf Grund meines offen bekundeten Desinteresses wie ein Verräter zu fühlen“, schreibt ein Blogger und meint: „Ich würde mir nur wünschen, daß man mein Desinteresse respektieren würde.“ Beispiel 1: Kürzlich schnappte ich in der Straßenbahn ein Gespräch zwischen Jugendlichen auf. Der eine war offenbar leidenschaftlicher Basketball-Spieler und übte noch weitere Sportarten aus – Fußball interessiere ihn aber nicht so, meinte er. „Warum nicht?“, wurde er verständnislos und etwas von oben herab gefragt und sollte sich geradezu rechtfertigen. Beispiel 2: Drei Tage vor der Bundestagswahl 2013, Auftritt der Kanzlerin auf dem Augsburger Rathausplatz. Eine Viertelstunde vorher ist der Platz brechend voll. Zur Überbrückung der Zeit spielt eine Liveband und nutzt die Gelegenheit, einen Lobpreis auf den hiesigen Fußballverein anzubringen: „Glanz und Gloria dem großen FCA …“ Die Suggestion, daß Fußballbegeisterung „dazugehört“, ist bereits so erfolgreich, daß sich in manchen Kreisen eine unterschwellige Erwartungshaltung etabliert hat. Vielleicht so, wie man früher sonntags zur Kirche zu gehen hatte.

Mittlerweile gibt es aber auch kritische Stimmen. Neben dem schon zitierten Sozialpsychologen Prof. Vinnai sprach 2006 in Bremen auch Prof. Dr. Johannes Beck vom Institut für Kulturforschung und Bildung zum Thema Fußball als einer „Schule des Scheiterns.“ (8) In Büchern und im Internet werden ebenfalls erste Bedenken zur Ersatzreligion Fußball laut. Dies mag manchem Leser übertrieben erscheinen, aber mittlerweile spricht einiges dafür, daß der Sport Fußball bereits auf einem guten Weg zur „Weltreligion des 21. Jahrhunderts“ (2) ist.

 

Sport und Religion wachsen zusammen

Kein Merkmal fehlt. Das Stadion gleicht dem Tempel: „Das Stadion ist wie der Tempel der Mittelpunkt der Welt. Es ist nach außen geschlossen und nach oben, gegen den Himmel, geöffnet.“ (9) Da wundert es kaum mehr, wenn das Wembley-Stadion in der Titelzeile eines Zeitungsartikels als „Englands teure Fußball-Gralsburg“ (10) bezeichnet wird und in der Schweiz der Bau einer Stadionkirche geplant ist. Überhaupt: „Sport ist getränkt mit Spiritualität. Deshalb sind Fußballkapellen nötig“, meint Christoph Sigrist dazu, Priester und Fußballfan. (11) Vielleicht könnte dann gleich der sonntägliche Kirchgang mit dem ähnlich regelmäßigen Stadiongang verbunden werden: „Es ist auch ein Ritual, zu jedem Spiel zu gehen. Im Durchschnitt geht ein Fan alle zwei Wochen zu einem Spiel. Die Kirche dagegen wird jeden Sonntag besucht.“ (12) Zumindest für die eigenen Spieler hat der FC Barcelona die Integration der Religion in den Sport bereits vollzogen: Sein Heimstadion Camp Nou, größtes Stadion in Europa, enthält auch eine katholische Kapelle, „in welcher die Spieler vor einer schwarzen Madonna an den Spieltagen beten können“. (Wikipedia)

„Sport ist getränkt mit Spiritualität. Deshalb sind Fußballkapellen nötig”, meint Christoph Sigrist, Priester und Fußballfan.

Das Glaubensbekenntnis wird in Form der Fan-Hymne gemeinsam gesungen, die Texte gleichen religiösen Liedern: „Leuchte auf, mein Stern Borussia, leuchte auf, zeig mir den Weg, ganz egal, wohin er uns auch führt, ich werd immer bei dir sein.“ (13) „Äußerungen von Fans wie ,Meine Religion ist der Verein' oder der Titel der Fan-Zeitschrift ,Schalke-Unser' sind keine Seltenheit.“ (14) Der katholische Sportverband DJK, der als sein zentrales Anliegen die Verbindung von Sport und Glauben nennt, veröffentlicht auf seiner Webseite sogar ein afrikanisches Fußball-Gebet und spezielle Seligpreisungen für Sportler. Die gewünschte Synthese von Sport und Religion zeigt auf jeden Fall bereits ihre Blüten: Auch christliche Vereine und Fanclubs sind kein Kuriosum mehr, seit sich 1999 „TORa et Labora – der frommste Fanclub des FC Köln“ gründete, der unter anderem vom Katholikenausschuß der Stadt Köln gesponsert wird. „Totale Offensive“ nennt sich eine andere Vereinigung christlicher Fußballfans, die sich zur Aufgabe gemacht hat, ihren Glauben ins Stadion zu tragen: „Kein Wunder also, daß bei Heimspielen ein ,Jesus heilt'-Transparent in der HSH Nordbank Arena hängt und in Hamburger Kirchen HSV-Nächte veranstaltet werden“ (15), heißt es über die Initiative, die sich auch als Anlaufstelle reuiger Hooligans versteht und der sich mittlerweile Fanclubs in zahlreichen Städten angeschlossen haben.

Natürlich dürfen in der „neuen Religion“ auch Heilige und Kultgegenstände nicht fehlen: „Ganz zu schweigen von Heiligenverehrung im Fußball. Pelés Schuhe werden als Reliquien konserviert. Die Neapolitaner ersetzten bei einer Prozession die Madonna durch Maradona.“ (3) Der erste Stadionbesuch als Kind läßt sich fast schon mit einer Taufe vergleichen, später könnte man, im kulturwissenschaftlichen Vergleich, von Wallfahrten sprechen: „Es gibt auch die Möglichkeit, ein Fan von einem sehr weit entfernten Verein zu sein. Wenn dies so ist, möchte man einmal in seinem Leben den großen Ort besuchen. Man möchte einmal ganz nah dran sein. Bei den Moslems ist dieser große heilige Ort Mekka.“ (12)

Wie die Religion heutzutage, so wird auch der „Glaube an denselben Verein“ häufig vom Vater zum Sohn weitergegeben. Gibt es gar ein „heiliges Buch“? „In der Bibel steht alles, was wir über Gott wissen wollen und überhaupt über Gott wissen. Im Vereinsbuch steht auch alles über diesen Verein drin, seit seiner Gründung. Es steht ebenfalls alles drin, was man über ihn überhaupt weiß.“ (12)

 

Sakrale Riten und Glaubensfanatismus

Sogar vom „Fußball-Gott“ wird gesprochen: „Der 'Fußball-Gott' wird immer dann ganz stark zum Einschreiten gebeten, wenn seine Mannschaft schlecht spielt.“ (12) Gläubige Spieler beten vor einem wichtigen Spiel für den Sieg. In meiner Heimatstadt habe ich den Aushang einer Pfarrei fotografiert, der zu einem „Gottesdienst zum FCA-Saisonstart“ einlädt. „Ihr könnt gerne Eure Trikots anziehen und Eure Fahnen mitbringen“, heißt es da. Ging man früher noch im Anzug zur Kirche, geht man heute offenbar in Stadionskluft … wem zu Ehren, fragt sich?

Auch im Ritus lassen sich Parallelen sehen: „Im reformierten Gottesdienst reicht der Pfarrer den Kelch des Abendmahls durch die Reihen der Gläubigen, während nach gewonnenen großen Spielen ein hochkarätiger Funktionär den Pokal an die Spieler der siegreichen Mannschaft übergibt, die ihn in ihrem Kreis zirkulieren lassen.“ (13) Während sich Katholiken vor der Bekreuzigung mit Weihwasser besprengen, berühren gläubige Spieler vor dem Spiel den Rasen des Fußballfeldes.

Der Eintritt in den Fanclub bekräftigt die Treue zur Konfession – pardon, zum Verein – wie die Konfirmation, denn „genauso wie sich in der Religion zu einer bestimmten Glaubensrichtung bekannt wird, so wird sich im Fußball zu einem bestimmten Verein bekannt, dem die Treue geschworen wird. In der Ernsthaftigkeit dieser Bekenntnisse stehen sich die Anhänger in nichts nach.“ (16) Und tatsächlich: Der Fanatismus eines eingefleischten Fußballfans ist nicht minder stark ausgeprägt als der eines fundamentalistisch-extremistischen Gläubigen. Wer die Religion eines Gläubigen angreift, greift ihn an. Und wer den Verein eines Fans angreift, greift ebenfalls ihn an. Dementsprechend emotional geht es bei Fußballspielen zu. Anti-Gesänge, wie sie in Stadien regelmäßig zu hören sind, belegen Haß und Verachtung gegenüber dem Verein der anderen. „Ja, wir schmeißen Stein um Stein, auf die Elf vom Niederrhein!“ singt der 1. FC Köln bei einer Begegnung – „Tod und Haß dem S04“ schreien Fans von Borussia Dortmund bei einem Spiel gegen Schalke im Chor. Und „Wir hassen euch für immer“ heißt es in einem Gesang des FK Austria Wien mit dem freundlichen Titel: „Ihr grünen Schweine“. Andere Parolen sollen hier nicht wiedergegeben werden.

Eigentlich heißt es, Gesang verbinde die Menschen – hier dient er aber leider eher dazu, „eine Provokation gegen die gegnerische Mannschaft auszulösen oder einen Machtkampf zum Ausdruck zu bringen, was an dieser Stelle mit einer 'psychologischen Kriegführung' verglichen werden könnte.“ (17) Wie Vinnai noch schärfer formuliert, handelt es sich aber vielmals auch kaum um „Gesang“, eher um einen „mit dem Schwund der bewußten Persönlichkeit verquickten, präverbalen Erregungsschrei“, der an- und wieder abschwellend die Stadien erzittern läßt und mitreißt. Wen wundert es, daß sich Ausschreitungen häufen – und das nicht nur im Profibereich, sondern auch in den untersten Amateurligen, ja selbst bei Spielen von Kindern.

 

Konkurrenz für die Kirche?

„In jedem Dorf gibt es eine Kirche und einen Sportverein, und der DFB hat mit seinen über sechs Millionen Mitgliedern fast so viele Mitglieder wie die Katholische oder Evangelische Kirche.“ (16) Wobei, zugegeben: Ein wenig fehlt noch zu den jeweils über 20 Millionen Mitgliedern der beiden Großkirchen in Deutschland. Dafür ist die Zahl der regelmäßigen Stadionbesucher bereits deutlich höher als die der regelmäßigen Kirchgänger. Fußball, nüchtern betrachtet eine Sportart wie so viele andere – Basketball, Golf, Tennis und so weiter –, nimmt bei manchem den Großteil seines Denkens ein, der Sieg der eigenen Mannschaft wird wichtiger als alles andere. Die heutige Inszenierung dieser für unser Leben im Grunde völlig unbedeutenden Luftblase als Massenspektakel zeigt durchaus Parallelen zu historischen Großveranstaltungen bis zurück zu den Römischen Spielen – wir sind anscheinend noch immer die „Herde ohne Hirte“ (Nietzsche), die sich ohne Bedenken Massenströmungen aller Art hingibt.

Dem auf seinen Rationalismus pochenden Atheisten sollte klar sein, daß er diese Rationalität im Fußballwahn aufgibt und dabei einem ähnlichen Taumel erliegt, wie die von ihm belächelten Gläubigen ihn seiner Ansicht nach in ihrem Glauben erleben. Dabei dürfte auch der größte Gegner von Religionen zugeben, daß der christliche, buddhistische oder muslimische Glaube doch um einiges sinnvoller und fruchtbarer erscheint als der neue Fußballglaube, dessen Metaphysik doch erst recht spärlich entwickelt ist und auf dessen Ethik wohl noch gewartet werden darf.

Jedem Christen, Juden und Moslem hingegen sollte bewußt sein, daß der Fußballkult in seiner heutigen Form mit seiner Religion nicht vereinbar ist. Zunächst verstößt das Gerede vom „Fußball-Gott“ gegen das zweite Gebot. Im Islam kommt hinzu, daß die Verehrung sogenannter „Heiliger“ (und damit auch von „Stars“) nicht erlaubt ist. Das erste Gebot des mosaischen Gesetzes sagt: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ – Fußball nimmt heute aber oftmals nicht nur einen Stellenwert neben Gott ein, sondern verbreitet sogar über ihm. Wieviel Zeit widme ich dem Fußballsport, was bedeutet er mir im Vergleich zu soviel wichtigeren Dingen, die das Leben bietet? Dies frage sich der begeisterte Fußballfan.

 

Literatur (alle Quellen waren zum Zeitpunkt der Erstellung im Internet frei zugänglich):

(1) Gerhard Vinnai, Fußballsport als Ideologie. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 1970
(2) Gerhard Vinnai, Fußballkult als Lebensersatz. Vortrag an der Universität Bremen 2006
(3) Deutschlandradio Kultur, Fußball als Weltreligion des 21. Jahrhunderts, 2006
(4) Katrin Hummel, Wie ein Sprung aus dem Flugzeug – Herzprobleme beim Fußball, FAZ Online 2013
(5) Niklas Wieczorek, Extremfans: Das Leiden der Fußballsüchtigen, Spiegel Online 2012
(6) Christopher Becker, Fußballkult: Särge in Vereinsfarben, Spiegel Online 2004
(7) N. N., HSV eröffnet Fan-Friedhof – Ewige Treue möglich, TZ Online 2008
(8) Johannes Beck, Fußballbetrieb als Schule des Scheiterns, Vortrag an der Universität Bremen 2006
(9) Jürg Altwegg, Ein Tor, in Gottes Namen! – Über Fußball, Politik und Religion, Carl Hanser Verlag 2006
(10) Marcus Theurer, Englands teure Fußball-Gralsburg, FAZ Online 2013
(11) Arik Platzek, Wollen die Schweizer im Stadion beten?, Humanistischer Pressedienst 2012
(12) Bernd Oevermann et al., Fußball als Ersatzreligion?, Arbeit am Ratsgymnasium Osnabrück
(13) N. N., Der Fußball und seine Aura des Göttlichen, Neue Zürcher Zeitung 2006
(14) Lars Hartfelder, Sport als eine Art Religion?, Webartikel 2008
(15) Lukas Lange, Jesus im Fußballstadion, Idealisten.net 2010
(16) Ines Weihing, Fußball als Religion? Göttliches Spiel auf heiligem Rasen? Seminararbeit an der Universität Augsburg 2006
(17) Farnosh Khodadadi und Anika Gründel, Sprache und Fußballgesänge, Linguistik-Server Essen 2006

 

 
   
 
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