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  Fundamentalismus: Flucht ins Extrem
 

Flucht ins Extrem

– Die Kehrseiten von Toleranz und Fundamentalismus –



Erschienen in Ausgabe Nr. 87 (März/April 2015) des Magazins »GralsWelt – Zeitschrift für ganzheitliches Denken und fördernde Lebenswege«




Eine unübersichtlich gewordene Welt überfordert den Menschen zunehmend: Wie umgehen mit der wachsenden Vielfalt der Anschauungen? In den Reaktionsweisen lassen sich dabei zwei gegensätzliche Pole feststellen, zwischen denen sich Wertungen heute vollziehen: grenzenlose Toleranz und rigoroser Fundamentalismus. Beide Tendenzen beinhalten Gefahren, zugleich aber wichtige Einsichten …


Die traditionellen Säulen des Zusammenlebens sind heute bereits gehörig angesägt: Die klassischen Konzepte von Ehe und Familie lösen sich auf, Multikulturalismus ersetzt die herkömmliche Leitkultur, die Menschen wandern aus den Großkirchen in die Privatreligion, die Gesellschaft zerfällt in ihre Akteure. „Patchwork“ ist die treffende Bezeichnung für den „unkontrollierten Individualismus“ (4) einer nie dagewesenen Pluralität im Zusammenleben. Im postmodernen Denken ist alles relativ, und ein vielgehörter Satz lautet: „Die Wahrheit gibt es nicht!“ Scheinbar bleiben damit alle Einsichten subjektiv, in der Folge auch alle Werte und jede Ethik unverbindlich. Doch nur scheinbar, denn von einer nicht anzuzweifelnden Tatsache geht die Aussage – im Grunde sich selbst widersprechend – doch aus: eben vom Paradigma der Postmoderne, daß es keine objektive, absolute Wahrheit gäbe. Auch das „anything goes“, das Laissez-faire im Zusammenleben, steht bei näherem Hinsehen doch bei allem propagierten Wertrelativismus unter einem normativ eingeforderten Wert: unbedingter Nichteinmischung in das Tun und Lassen anderer, entschiedener Urteilsenthaltung – uneingeschränkter Toleranz.

 

Die letzte Zuflucht der Postmoderne

Der postmoderne Mensch fragt nicht mehr nach einer allgemeinverbindlichen Wahrheit, sondern nur nach Relevanz, das heißt nach dem, was für ihn und seine Welt von Bedeutung ist. Traditionelle Lehren und Wertesysteme werden als Sichtweisen wahrgenommen, die bestimmte Menschen oder Gruppen deshalb für richtig halten, weil sie diese Sichtweise gewohnt sind oder für sich als passend empfinden. Um so entschiedener fordert man für sich selbst das unbedingte Recht ein, seine eigenen persönlichen Überzeugungen haben zu dürfen. Ein einziger Wert bleibt daher für den postmodernen Menschen unantastbar, und das ist das Gebot der Toleranz. Denn nur die Toleranz schützt den Einzelnen letztlich vor den Ansprüchen einer fremd gewordenen Welt. Sie erlaubt es dem einzelnen Menschen, sich seine eigene kleine Nische einzurichten, in der er seine Zuflucht findet. (6, S. 8 )


Ein mißverstandenes Konzept …

Um das wahrscheinlich von Luther ins Deutsche eingeführte Wort „Toleranz“ herrscht einige Uneinigkeit. Es soll hier nicht darum gehen, die unzähligen bestehenden Entwürfe, wie das Wort „richtig“ zu verstehen und zu verwenden sei, um einen weiteren zu bereichern. Tatsache ist, daß es, soviel es auch im Munde geführt wird, einen unguten Beiklang nicht ganz loszuwerden scheint. Immer wieder wird Toleranz als bloße Duldung verstanden, ein Gewährenlassen, ein Aushalten von Unterschieden wider Willen. Schon Goethe war der Meinung, Toleranz sei eine Beleidigung, wenn sie nicht zur Anerkennung führe. Gerade im interreligiösen Dialog oder im Umgang mit Minderheiten wird es oft mit dem Beigeschmack verständnisvoll-großzügiger Nachsicht verwendet, in der ein unterschwelliges Herabsehen auf jene, die die eigene Wahrheit noch nicht erkannt haben, festzustellen ist. Als höhere Ausprägung gilt vielen auch die Akzeptanz – Nietzsche etwa sah in bloßer Toleranz nur eine „Herden-Tugend“, die „Unfähigkeit zu Ja und Nein“, also eine Form der Urteilsschwäche.

Schlimmstenfalls ist Toleranz gleichbedeutend mit Gleichgültigkeit. Wenn es so weit kommt, wäre doch über die provokativen Worte nachzudenken, die der streitbare Autor Henryk M. Broder in seiner Dankesrede zum Ludwig-Börne-Preis formulierte (den er inzwischen aus Protest gegen die Verleihung desselben Preises an den Philosophen Peter Sloterdijk zurückgab) – unter dem programmatischen Titel „Toleranz hilft nur den Rücksichtslosen“: „Toleranz ist die preiswerte Alternative zum aufrechten Gang, der zwar gepredigt, aber nicht praktiziert wird. Wer heute die Werte der Aufklärung verteidigen will, der muß intolerant sein, der muß Grenzen ziehen und darauf bestehen, daß sie nicht überschritten werden.“ Eine Grenze der Toleranz ist sicher immer dann erreicht, wenn Mitmenschen (oder Mitgeschöpfe) Schaden erleiden, welcher Art auch immer.

Eine andere zweifelhafte Entwicklung zu weit verstandener Toleranz – die bereits in eine verkappte Form des Fundamentalismus übergeht – ist es, wenn Kritik und moralische Konfrontationen nicht mehr ertragen werden. In Feindseligkeiten gegenüber „Gutmenschen“ und „Moralaposteln“ ist dies immer wieder festzustellen, etwa gegenüber Vegetariern, Umweltschützern, so bezeichneten „Spießern“ oder auch verschleierten Frauen. Oft vertragen Menschen es schlichtweg nicht, sich höheren Ansprüchen gegenübergestellt zu sehen, Aussagen oder einem Lebensstil, der sie moralisch ermahnt und der vielleicht manchmal auch ihr Gewissen neu anstachelt, das sie doch schon erfolgreich zum Schweigen gebracht hatten. Solche unliebsamen Vorbilder könnten Leute wohl kaum so emotional aufregen, wenn sie nicht selbst widerwillig spüren würden, daß an dem, was hier vertreten wird, ein wahrer Kern ist, dem sie sich nur selbst im Moment nicht ernsthaft stellen mögen.
 

… eines notwendigen Wertes

Ein für einen modernen Wert tragfähiges Toleranz-Konzept entwirft die Erklärung der UNESCO von 1995 (8). Darin kommt zum Ausdruck, daß echte Toleranz ohne Respekt, ohne Achtung vor dem anderen nicht denkbar ist und sie zugleich nichts mit Nachgiebigkeit oder Herablassung zu tun hat.

„Gefördert wird sie durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg“, heißt es im 1. Artikel. Alle wichtigen Aspekte sind darin genannt:

Zunehmendes Wissen um Zusammenhänge, zunehmende Einsicht, wird immer eine Haltung stärken, deren Maxime die Nächstenliebe ist, das Bemühen um Verstehen des Mitmenschen, der gleich uns auf dem Weg ist. Fanatismus hingegen, der mit Intoleranz eng verbunden ist, entsteht aus einer stark vereinfachten, reduzierten Sicht der Wirklichkeit, die nicht mehr nach Hintergründen fragt und vorschnell verurteilt. Offenheit wiederum ist die Voraussetzung, überhaupt neuer Erkenntnis zugänglich zu sein. Sie bedeutet, sich im klaren zu sein, daß die Wahrheit viele Facetten hat, von denen jeder Mensch, auch seinen Erfahrungen und seinem kulturellen Hintergrund geschuldet, bestimmte in den Vordergrund stellt – ein anderer Mensch vielleicht wiederum andere. Warum gehen wir sofort in Verteidigungshaltung, sobald jemand eine andere Weltsicht vorträgt? Das Problem liegt häufig mit darin, daß wir uns und den anderen einer „Seite“ zuordnen, die in Konkurrenz zueinander stehen: „Das 2-Alternativen-Denken ist allgegenwärtig. Wir finden es bei Politikern, die einfach weghören, wenn Mitglieder anderer Parteien etwas sagen. Und wir beobachten es bei Strenggläubigen, die der Wissenschaft mißtrauen, und bei Wissenschaftlern, die nichts mit der Religion am Hut haben. Wer im 2-Alternativen-Denken verhaftet ist, sieht seinen Gegenüber nicht als eigenständigen Menschen, sondern lediglich als Vertreter einer Ideologie.“ (1) Fehlende Bereitschaft, seine Sicht der Dinge abschleifen zu lassen, kann so sogar dahin führen, den Nächsten nicht mehr als ernstzunehmenden Mitmenschen anzusehen, also zu fehlender Wertschätzung. Sich mit ihm zu befassen, gewährleistet die Kommunikation, die auch davor schützt, sich in einer gedanklichen „Parallelwelt“ nur noch im Kreis seiner Weltsicht zu bewegen und dabei die komplexe Wirklichkeit in ihren vielseitigen Schattierungen aus den Augen zu verlieren. Abschottung nach außen, selbstgewählte Isolation, ist immer mit Vorsicht zu genießen! Austausch hingegen regt zur Reflexion an, führt auch zur größeren Klarheit über die eigenen Standpunkte. Ganz davon abgesehen, daß eine Wendung der Verhältnisse zum Besseren hin nur durch Partizipation möglich ist, niemals dadurch, sich aus Protest aus den Verhältnissen auszuklinken.

Zuletzt erfordert die Freiheit – der große Wert der Neuzeit – die Toleranz. Freiheit geht stets mit Verantwortung einher, die daher auch einen Schlüsselbegriff moderner Ethik darstellt. Nur, wenn anderen der Freiraum für ihre Selbstentfaltung zugestanden wird (und dieser umgekehrt auch einem selbst), kann von Freiheit gesprochen werden. Das Maß der Freiheit muß allerdings im Gleichgewicht stehen mit dem Maß der Mündigkeit – fehlt diese, muß zum Schutze des Menschen vor sich selbst die Freiheit eingeschränkt sein durch eine größere Zahl an Regeln. Die laute Forderung nach uneingeschränkter Freiheit, verbunden aber mit allzuoft fehlender Mündigkeit und fehlendem Verantwortungsbewußtsein, ist ein Dilemma der heutigen Zeit. Auch hier ist eine notwendige Grenze des Laissez-faire gegeben.

„Harmonie über Unterschiede hinweg“ – darin liegt der zentrale Gedanke der Toleranz. Sie stärkt das Individuelle, das auch gestärkt sein muß, und trotzdem, ja gerade darin, muß in Ergänzung Frieden möglich sein. Die heutige Gesellschaft, die sonst keinen gemeinsamen Halt mehr hat, kommt ohne diesen Wert nicht aus: „Toleranz ist der Schlußstein, der die Menschenrechte, den Pluralismus (auch den kulturellen Pluralismus), die Demokratie und den Rechtsstaat zusammenhält. Sie schließt die Zurückweisung jeglichen Dogmatismus und Absolutismus ein …“ (8)

 

Wahrheit kann nicht zu Intoleranz führen!“

Zwangsbekehrungen sind ihrer Natur nach unmöglich, auch wenn sie leider immer wieder in der Geschichte versucht wurden. Eine wirklich absolute, das heißt von allen Interessen und Emotionen befreite Wahrheit kann gar nicht zur Intoleranz führen, denn die Wahrheit kann nur in Freiheit als Überzeugung angenommen werden. […] Es zeigt sich, daß die zumindest praktisch gelebte Überzeugung von der Wahrheit, und wir dürfen auch sagen, von einer absoluten Wahrheit, die notwendige Voraussetzung für echte Toleranz darstellt. Denn nur im Licht einer absoluten Wahrheit wird jedem Menschen der nötige Respekt zuteil, der Quelle und Begründung für die Toleranz darstellt. Zugleich werden in diesem Licht aber auch die Grenzen der Toleranz deutlich, und es zeigt sich, wann und wo Widerstand zu leisten ist. (5, S. 130 und 134)


Zurück zu den Wurzeln

Vielfach wurden Dogmatismus und Fundamentalismus als naheliegende Reaktion auf das orientierungslose Chaos der Postmoderne charakterisiert – ein „zurück zu den Wurzeln“, zu einem verläßlichen, sicheren Halt, von dem aus dann unkompliziert jedes Urteil, jede Verhaltensweise abgeleitet werden kann. Es ist ohnehin eine seltsame Eigenart der menschlichen Geschichte, daß jedes ausgemachte Extrem schnell durch einen Pendelschlag in die entgegengesetzte Richtung ausgeglichen wird und der Mensch damit so oft um die „goldene Mitte“ oszilliert, ohne sie je ganz zu erreichen.

Der Vorwurf des Fundamentalismus ist heute zu einer geliebten Waffe geworden, wenn es darum geht, andere Denkweisen unmöglich zu machen. Er soll deshalb zunächst eine Würdigung erfahren in dem erst einmal durchaus beachtenswerten Anliegen, das ihm oft zu Grunde liegt. In fundamentalistischem Auftreten liegt in der Regel eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte und der Versuch, sie schützend zu bewahren – gegenüber Entwicklungen, die dabei sind, Glaubensfundamente zu unterhöhlen, Sitte und Anstand auf den Kopf zu stellen, religiöses Denken ins Abseits zu stellen. Ein progressiver Schub löst fast naturgemäß eine um das Grundsätzliche bangende Gegenbewegung aus, wie dies, um nur ein Beispiel zu nennen, gerade in Saudi-Arabien feststellbar ist. Aber auch die Kirchengeschichte ist voll davon, wobei auf die jüngst erfolgten Ansätze zu größerer, zeitgemäßer Öffnung (etwa in der Familienpolitik) gerade schon wieder ein Rückzieher zu beobachten ist.

Wichtig ist zunächst folgendes: Fundamentalismus (und daraus entstehende Gewalt) ist kein Phänomen, das nur den Religionen oder gar nur bestimmten Religionen zu eigen ist. Es liegen umfangreiche Studien zu fundamentalistischen Strömungen in sämtlichen großen Religionen vor, aber auch nicht-religiöse Weltanschauungen können nicht minder leicht auf den Weg zum Fanatismus geraten – wie dies der Nationalsozialismus und der Kommunismus hinreichend gezeigt haben. Fundamentalismus ist also „nicht das Kennzeichen bestimmter Religionen oder Weltanschauungen, sondern eine […] Weise ihrer Handhabung.“ (Meyer-Lexion 1994, zit. nach 2, eigene Hervorhebung) Ja, man könnte sogar problemlos, „wenn man Denkmuster, die als unhinterfragbar gelten und an denen unverrückt festgehalten wird, als fundamentalistisch bezeichnet, selbst die Moderne als fundamentalistisch kennzeichnen“ (4) – schließlich ist ihr beispielsweise ein doktrinäres „Rationalitätsparadigma“ eigen und eine als „säkulare Glaubensmacht“ (ebd.) verstandene Wissenschaft sowie der erwähnte Wertrelativismus, der die Möglichkeit ethischer Letztbegründungen kategorisch ablehnt.

Es sollte auch strikt unterschieden werden zwischen einer fundamentalistischen Haltung und einer Haltung, die nur in Überzeugung konsequent für ihren Standpunkt einsteht. Letzteres muß legitim sein, wobei „Überzeugung“ voraussetzt, daß eine ausreichende Begründung möglich ist. Dabei gilt es auch zu bedenken, daß Fundamentalismus kaum im „luftleeren Raum“ entstehen dürfte: „Manche Entwicklungen innerhalb der anerkannten Gesellschaft, die der Fundamentalismus anprangert, können mit Recht hinterfragt werden […] In vielen Fällen spricht der Fundamentalismus Probleme an, die tatsächlich existieren, zumindest für einen gewissen Personenkreis […] Schon von daher sollten Probleme, die Fundamentalisten aufgreifen, nicht einfach negiert, sondern als Probleme ernstgenommen und wo nötig aktiv angegangen werden.“ (9) Und wenn vertretene Positionen dann trotzdem als falsch, ja gefährlich eingestuft werden können, erfordert die Reaktion noch immer mehr Sensibilität als einen „Holzhammer dagegen“: „Eine Verteufelung des Fundamentalismus führt zu verstärkter Radikalisierung und Selbstisolation fundamentalistischer Gruppen und bringt keine Lösung.“ (ebd.)

 

Eine Form von Leiden

Der Begriff des „Fundamentalismus“ eignet sich nicht als Schlagwort oder Kampfbegriff. Wer meint, andere damit diffamieren zu können, hat nach meiner Meinung nicht verstanden, daß der Fundamentalismus eine Form von Leiden ist. Genauer: Ein Leiden, das aus der Verzweiflung über eine orientierungslos, wurzellos, heimatlos, haltlos, ja heillos gewordene Welt entspringt. Und hat nicht jeder von uns bei sich selbst gespürt, wie diese Verzweiflung uns bedrängt und infiziert? Wer dieses Leiden nicht kennt, gehört vielleicht zu denen, die sich nur noch treiben lassen. (3, S. 266)


Gefahren vermeintlichen Wissens

Nur Demut und innere Beweglichkeit bewahren letztlich wirkungsvoll vor fundamentalistischen Tendenzen im Denken und darauffolgend im Handeln. Denn diese entstehen unbemerkt aus allen möglichen Glaubenssätzen, aus Überzeugungen, die schließlich ein jeder hat. Fünf damit zusammenhängende gefährliche Klippen, die es auf dem Meer der Erkenntnis zu umschiffen gilt, seien im folgenden näher benannt:

- Eifertum:
Neue Einsichten begeistern, und nicht unzutreffend spricht man vom „Feuer des Glaubens“ – das mit dem ein oder anderen auch einmal durchgehen kann und das übrigens auch aus der Beschäftigung mit der Wissenschaft zu entstehen vermag. Es ist bekannt, daß gerade Konvertiten, neu mit einem Denksystem vertraut Gewordene, für Eifertum besonders anfällig sind. Doch auch das stärkste Gefühl, das Heil für die Welt und die Lösung aller Probleme erkannt zu haben, berechtigt nicht, damit nun seine unbedarften Zeitgenossen zwangsbeglücken zu wollen. Nicht umsonst ist jedem Menschen der freie Wille gegeben, davon abgesehen, daß Missionierungsversuche und die Ausübung von Druck schnell den genau gegenteiligen Effekt hervorrufen und daher auch leicht großen Schaden anrichten können: Menschen fühlen sich beeinflußt und reagieren darauf mehr oder minder bewußt mit Abwehr und Trotz – sogenanntem Reaktanzverhalten. Es kann dann viel Zeit verstreichen, bis jemand wieder bereit ist, sich einer Sache zu nähern – an der ihm vielleicht selbst schon „etwas dran“ zu sein schien, die ihm das zu direkte Auftreten ihrer Vertreter jedoch suspekt werden ließ.

In den eigenen Reihen wiederum wirft eine zelotische Haltung rasch ein argwöhnisches, überwachendes Auge auf den, der Individualität hochhebt und eigene Wege zu gehen scheint: „Der durchgeformte monotheistische Kult stabilisiert seinen Tonus durch die unablässige Vergegenwärtigung der Häresie im Inneren“ (7) – und daneben natürlich auch „der paganen Gefahr im Äußeren“ (ebd.). So liegt die Versuchung nahe, als privater Sittenpolizist das Verhalten seiner Mitbrüder und Mitschwestern zu kontrollieren und für die Befolgung (un)geschriebener Regeln zu sorgen – wie gerade bei der selbsternannten „Sharia Police“ der Fall oder früher bei Anschwärzungen durch eifrige Mitbürger zur Zeit der Inquisition, im NS-Regime und unter der Stasi. Statt aber leidenschaftlich die anderen vervollkommnen oder das Böse in der Welt äußerlich bekämpfen zu wollen, wäre es sinnvoller, den Eifer auf die eigene Weiterentwicklung hin zu kanalisieren – so, wie ursprünglich auch das Jihad-Konzept des Islam gemeint ist, das zu oft tragisch nach außen projiziert wird: „Der subtile Jihad wollte als Feldzug gegen den heidnischen Rest im eigenen Inneren ausgefochten werden – wobei der Gläubige in sich selbst rebellierende Basen und anarchische Provinzen entdeckt, zu denen die Herrschaft des Gesetzes noch nicht vorgedrungen ist.“ (7)

- Erstarrung:
Die Hauptgefahr des Fundamentalisten: „Er umklammert, was er für unumstößlich hält, und wird dadurch selbst unbeweglich.“ (3) Im Niederländischen gibt es den hierzu gut passenden Begriff der „Versäulung“ (Verzuiling), der die Entstehung von Parallelgesellschaften durch konfessionellen Partikularismus bezeichnet. Die immer gegenwärtige Gefahr der Erstarrung liegt darin, daß wir ungern einmal gewonnene Überzeugungen von uns aus „überarbeiten“. Besonders Religionen sind im – an sich sehr wichtigen – Bewahren der Überlieferungen geneigt, sich einem radikalen Traditionalismus zu verschreiben: Das Alte ist grundsätzlich besser als das Neue, abgeleitet aus der Erkenntnis, daß offenbar alles einem Niedergang entgegengeht. Daher sind sie selten innovativ und reformfreudig, und ihre Anhänger mit ihnen. Es entstehen daraus Gruppierungen, die noch heute das Auto und jede technische Errungenschaft von vornherein ablehnen – welche aber doch auch nur immer ein Werkzeug darstellt und diesem oder jenem Zweck zugeführt werden kann. Die eigentliche Gefahr liegt jedoch darin, sich in äußeren Formen zu verlieren, wobei die Befolgung dieser gleichgesetzt wird mit der Stärke des Glaubens. Es folgen daraus irrige Annahmen, daß der, der um keinen Preis der Welt den Kirchgang ausfallen läßt oder die, die sich auch noch die Augen mit einem Netz verschleiert, besonders weit fortgeschritten seien. Im Umkehrschluß wird dann vorschnell aus Äußerlichkeiten auf die moralische „Verderbtheit“ eines Menschen geschlossen – aus seiner Kleidung, seinem Konsumverhalten, seinen Freizeitvorlieben. Auch die Verweigerung vielleicht durchaus nötiger Anpassungen des eigenen Lebensstils an die heutige Zeit kann in einem überzogenen Beharren auf Lehrsätzen begründet liegen. Sich auf einzelne ausgewählte Aspekte einer Lehre zu versteifen macht dabei nicht unbedingt glücklich. Klarheit sollte immer darüber herrschen, daß ein Ende der Erkenntnis für noch niemanden gekommen ist. Dies legt eindringlich nahe, offen zu bleiben – denn wieviel haben wir wirklich schon verstanden? Neue Entdeckungen, neue wertvolle Gedanken, die unsere Einsicht vertiefen, wird es immer geben!

- Polarisierung:
Eine riskante Versuchung liegt auch in einer Vereinfachung der Welt im Denken, indem diese in ein zweidimensionales Schema von Wahr und Falsch, Gut und Böse, Licht und Dunkel, Freund und Feind unterteilt wird. Für Philosoph Peter Sloterdijk ist eine solche ideologische Denkhaltung geradezu erwartbar: „Im übrigen läßt sich in einer von Graustufen geprägten Welt das Auftreten von Extremisten vorhersehen, die aus Überdruß an den Mittelwerten für eine reine Schwarzwelt oder Weißwelt kämpfen. Kommt eine Partei von Radikalen an die Macht, wird die Option für Grau zur konterrevolutionären Propaganda erklärt.“ (7) Mit einer solchen „dualistischen Penetration der Wirklichkeit“ (2) geht allerdings eine fatale Entdifferenzierung einher, die dem Mitmenschen kaum je gerecht werden kann. Homogenisierung geht auf Kosten der Vielfalt und der Individualität, und zu schnell erscheint nur das als suspekt, was eben nicht den eigenen Erwartungen entspricht. (4) Wer auf einem Gebiet konsequenter lebt als ein anderer, dort seinen Schwerpunkt hat, der tut es vielleicht auf einem anderen, weniger sichtbaren Gebiet dafür nicht. Die polarisierende Weltsicht führt Sloterdijk zurück auf eine unheilvolle Allianz von Strenge und Unterkomplexität im Denken. Eine fast unvermeidlich stattfindende Unterscheidung ist jene in Innen und Außen – die Gleichgesinnten stehen den irregehenden Andersdenkenden gegenüber. Es findet darüber eine zunächst selbstverständliche Identifizierung statt, die allerdings auch über das Ziel hinausschießen kann, wenn sie in folgender für Fundamentalismus charakteristischen, vereinfachenden Sichtweise mündet: „Der Innenbereich wird mit ,Reinheit' und ,Heiligkeit' assoziiert, der Außenbereich unterliegt dagegen schlimmster ,Kontamination'.“ (2) Dabei hat doch schon das Wirken Jesu gezeigt, daß gute Menschen in allen Klassen und Glaubensrichtungen zu finden sind – das Dunkel jedoch umgekehrt auch unbemerkt in die engsten eigenen Kreise eindringen kann.

- Abkapselung:
Aus dem Glauben an eine vergiftete Außenwelt kann der fragliche Schluß entstehen, sich am besten aus dieser zurückzuziehen, um es zu vermeiden, „beschmutzt“ zu werden. Auf dem eigenen weltanschaulichen Eiland lebt es sich ungestört, nur leider wird damit auch der „Weg des entschlossenen Nicht-Lernens vom Gegner – und damit des Nicht-Hörens auf die Stimmen der Gegenwart“ (7) gewählt. In der Annahme einer verblendeten Umwelt – „in diese Gegen-Welt können allerdings auch andersdenkende eigene Traditionsgruppen ausgegrenzt werden“ (2) – entsteht schnell eine Immunisierung gegenüber jeder Form von Einwand oder Kritik, denn schließlich steht der Kritisierende außen und hat die Wahrheit noch nicht recht erkannt. Bedenklich wird es besonders dann, wenn eine eigene, sich isolierende Gruppe sich als „Gegengemeinschaft“ versteht: „Mission dient hierbei der Rekrutierung neuer Mitglieder für die Enklave, aber nicht der Veränderung der Außenwelt.“ (2) Der Bezug zur Gesellschaft, der doch so wichtig ist, um den Boden unter den Füßen zu behalten, geht dann verloren. Und überhaupt: Eine Überzeugung wird erst lebendig, wenn sie den Stürmen auf dem „Testfeld der Wirklichkeit“ trotzen kann! Erst in der Anwendung, im Beobachten, Zuhören, Erleben erstarkt, was vorher Theorie war. Ein Rückzug in den bloßen Austausch mit Gleichgesinnten ist dafür bedenklich.

- Überheblichkeit:
Bei aller betonten Bescheidenheit und Hingabe kommt mit der Überzeugung, die Wahrheit gefunden zu haben, immer auch die Gefahr hinzu, sich als in irgendeiner Weise fortgeschritten, überlegen oder gar auserwählt zu betrachten – oft auch unbewußt. „Recht häufig sind die resoluten Diener des Einen vom Stolz auf ihre Demut hingerissen.“ (7) Es ist nie ratsam, sich auf ein Vergleichen mit dem Mitmenschen einzulassen – zu leicht gehen damit Wertungen einher, die oft auch noch dem bekannten „Splitter-Balken-Effekt“ unterliegen. Wie viele Leben sind vielleicht wir schon blind an dem vorbeigelaufen, was wir jetzt als Wahrheit erkennen? Und wenn auch, wie es heißt, Unwissenheit vor Strafe nicht schützt, so steigt doch die Verantwortung mit zunehmendem Wissen noch einmal. Gerade daher ist kein Grund zur Überhebung, denn wie groß ist die Kluft noch zwischen dem Ziel, das wir anstreben, und der Sproße, auf der wir im Augenblick stehen? Besteht da nicht noch großer Aufholbedarf, bevor wir überhaupt daran denken können, auf eine Leistung stolz zu sein? Im tieferen Eindringen in die schier unendliche Fülle möglichen Wissens kommt auch immer mehr ein Verstehen für die Feststellung des Sokrates: „Ich weiß, daß ich nichts weiß.“ – und dann ist es noch nicht ins Leben umgesetzt!

 

Aus derselben Quelle

Warum nun treten Fundamentalismus und eine sich-selbst-nicht-mehr-positionierende Toleranz, eine „Treibsandmentalität“ (3), so auffällig gleichzeitig auf?
Es handelt sich bei beidem um Weisen, mit einer überfordernden Komplexität der Verhältnisse umzugehen, diese für sich zu reduzieren. Wichtig ist die Einsicht, daß nicht nur eine dieser Lebensbewältigungsstrategien – dafür wird in der Regel der Fundamentalismus eingesetzt – die bedenkliche ist, auch wenn Toleranz harmloser auftritt: „Eine andere pathologische Reaktion auf eine überkomplex gewordene Epoche ist die Haltung der Beliebigkeit, also der ,proteische' Verzicht auf eine eigene Position und die Anpassung an die jeweils vorherrschenden Meinungen und Mächte.“ (3) Man spricht heute in der Psychologie von einer um sich greifenden „Subjektmüdigkeit“, die den Menschen gar nicht mehr danach streben läßt, sich selbst und eigene Ideale zu verwirklichen. Gerade diese Eigenschaft wird jedoch gerne auch noch als besonders erstrebenswert dargestellt: „Wer an nichts mehr glaubt, und in diesem Sinne haltlos ist, der ist eine leichte Beute aller möglichen Versprechungen […] Darum preist sie der Markt, er nennt sie ,flexibel' und ,experimentierfreudig'.

Er tut, als sei ihre Schwäche eine besonders dynamische Gestalt von Adaptionsfähigkeit.“ (3) Nicht alles von dem, was sich über Jahrtausende hinweg bewehrt hat, ist automatisch überkommen – auch die Vorstellung des „modernen Menschen“ ist daher manchmal zu hinterfragen.

Schließlich liegt in der Flucht ins Extrem – in welches auch immer – ein alarmierendes Zeichen, daß „etwas nicht stimmt“: „Die Pandemie fundamentalistischer und ,proteischer' Lebenshaltungen verweist auf grassierende Fehlentwicklungen unserer Epoche.“ (3) Da das Phänomen weltweit auftritt, ist nicht davon auszugehen, daß das Problem, wie so oft vermutet, nur „im System“, in den Strukturen zu suchen ist. Es ist ausgerechnet die Abschaffung alter Werte, die uns nun zu schaffen macht. Das Fehlen einer eben doch verbindlichen Orientierung, eines hohen, beflügelnden Ideals, für das es sich über Karriere und Familienerhalt hinaus zu leben und sich einzusetzen lohnt. Das sinnstiftende Element, das über die Grenzen der Welt hinausweist – das aber auch in seiner Größe recht erfaßt sein will, um eben nicht in Fanatismus und Intoleranz zu münden, sondern in Humanität im eigentlichen Sinn, Menschlichkeit!

 

Literatur:

(1) Stephen Covey, Die 3. Alternative, GABAL 2012
(2) Andreas Grünschloß, Was heißt „Fundamentalismus“?, 1999 (online verfügbar)
(3) Geiko Müller-Fahrenholz, Damit die Seele Halt findet. Zwischen Beliebigkeit und Fundamentalismus. In: Tim Unger (Hg.), Fundamentalismus und Toleranz, Hannover 2009, S. 252–270
(4) Mohsen Sarreshtehdari, Islamischer Fundamentalismus als Antipode zur Verweltlichung?, Diss. Universität Augsburg 2004
(5) Harald Schöndorf, Ist die Wahrheit intolerant? In: Stimmen der Zeit 2/2009, S. 125–135 (online verfügbar)
(6) Christian Schröer, Konflikt und Verantwortung. Grundlagen einer Ethik moderner Gesellschaften, Vorlesungsskript Universität Augsburg, SoSe 2012
(7) Peter Sloterdijk, Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen, Verlag der Weltreligionen 2007
(8) UNESCO, Erklärung von Prinzipien der Toleranz, 1995 (online verfügbar)
(9) Uni-Protokolle, Lexikon, Stichwort „Fundamentalismus“ (online verfügbar)

 

 


 
   
 
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