Homepage von Siegwalt Lindenfelser
  Geht die deutsche Sprache unter?
 

Geht die deutsche Sprache unter?

– Anregungen zu einem neuen Blickwinkel –


Der Beitrag war Titelthema der Ausgabe Nr. 84 (September/Oktober 2014)
der »GralsWelt – Zeitschrift für ganzheitliches Denken und fördernde Lebenswege«.


Es mehren sich die Stimmen, die den Verfall und das Ende der deutschen Sprache kommen sehen wollen. In der ersten Reihe der Anklagebank sitzen Fremdwörter, die Jugend und die Neuen Medien; Sprachpfleger gehen mit ihnen ins Gericht. Doch ein Blick in die Entwicklungsgeschichte der deutschen Sprache beruhigt, denn diese hat schon viele Stürme überstanden. Ein aus ganzheitlicher Sicht allerdings bedenklicher Trend spielt sich weniger bemerkt unter der Oberfläche ab: die Verflachung und Verengung von Bedeutungen, die das Begriffsvermögen immer stärker auf das Irdisch-Materielle zu beschränken drohen.

Ein schwarzseherischer Unterton zieht sich durch die Sprachkritik der zuletzt wieder wie Pilze aus dem Boden schießenden Sprachgesellschaften und Sprachpfleger: „Wenn es so weitergeht, dann ist die deutsche Sprachkultur dem Untergang geweiht“, „Ist Deutsch noch zu retten?“ und „Die deutsche Sprache verendet wie ein krankes Tier“, so äußern sich besorgte Sprachliebhaber. Bei einer Umfrage der Gesellschaft für deutsche Sprache stimmten zwei Drittel der Befragten der Aussage zu: „Die deutsche Sprache droht immer mehr zu verkommen.“ Ist es wirklich so schlimm, daß ein Ende der deutschen Sprache abzusehen wäre? Diese Befürchtung kann getrost verneint werden, denn mancher der immer wieder angeführten Gründe relativiert sich aus einem historischen Blickwinkel. Trotzdem ist das Deutsche einmal mehr im Umbruch begriffen – und wohin der Weg führt, wird die Gemeinschaft der Sprachnutzer und zuletzt jeder einzelne entscheiden. Denn Sprache ist aufs engste verbunden mit den Menschen, die sie sprechen.

Schnell und oft wird die desaströse Sprachsituation, der unaufhaltbar scheinende Niedergang der deutschen Kultur oder gar ein weltweiter Sprachverfall beschworen. Das Bild vom Sprachverfall unterstellt eine täterlose, sprecherunabhängige Eigendynamik der Sprache – doch es sind Menschen, die die Sprache gebrauchen, so daß eine Rede von Sprachmißbrauch vielleicht die treffendere wäre. Drei Bemerkungen des Sprachwissenschaftlers Rudi Keller in seinem Aufsatz „Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht?“ (1) geben außerdem zu denken und seien den folgenden Gedanken vorangestellt: a) Klagen über Sprachverfall sind zwar bereits seit über 2000 Jahren dokumentiert, doch echte Beispiele für verfallene Sprachen konnte bisher niemand anführen. b) Bedroht ist immer nur die gegenwärtige Version der eigenen Sprache: „Kein britischer Prinz würde beispielsweise heute darüber klagen, daß das wundervolle Angelsächsisch zu dem völlig gallifizierten Neuenglisch verkommen ist.“ Ebenso würde kein Franzose oder Italiener betrauern, daß seine Muttersprache ein heruntergekommenes Vulgärlatein sei. c) Kritisiert wird stets der Sprachgebrauch anderer: „Die Klage ,Was schreibe ich doch für ein verwahrlostes Deutsch im Vergleich zu meinen Großeltern', diese Form der Selbstkritik ist äußerst rar.“

 

„Wässerig und versaltzen“ – Wellen fremder Wörter

Als größte Bedrohung für die Muttersprache gelten von jeher Fremdwörter und andere fremdsprachliche Einflüsse. Seit mehreren hundert Jahren beanstanden deutsche Schreiber, wie hier der Chronist Sebastian Franck im Jahr 1538, daß „allein die Teutschen verleugnen jre spraach“ (2), sie seien leider „ein volck das äffisch alles allen lendern wil nachthon vnd reden“. Neben anderen pflichtet ihm 1595 der Schriftsteller Georg Rollenhagen bei: „Der Deutsch aber lesset von allen was frembd ist sich besser gefallen […] Sein Muttersprach mus veracht bleiben.“ Auf Lateinisch klagt Martin Opitz 1617 über die „bislang reinste und von allem fremden Schmutz saubere Sprache“ und ihren Werdegang: „Kaum ein Satzgefüge gibt es, kaum einen Nebensatz, welcher nicht irgendwie nach Entlehnung riecht. Bald borgen wir von Römern, bald von Franzosen, Spaniern und bald auch von Italienern …“ Die deutsche Sprache sei deshalb, wie der im selben Jahr gegründete Sprachverein „Fruchtbringende Gesellschaft“ festhält, „durch fremdes Wortgepräng wässerig und versaltzen worden“ (3).
In der Tat war zu dieser Zeit soeben im Zuge des Humanismus die dritte große Entlehnungswelle aus dem Lateinischen (und teils auch Griechischen) vorüber. Dem vorausgegangen war in der höfischen Zeit des 12./13. Jahrhunderts eine Welle von Wortübernahmen aus dem Französischen, vorher, zur Zeit des Althochdeutschen, eine lateinische Welle im Zusammenhang mit der Christianisierung der Germanen, die dem Deutschen fast alle heute geläufigen religiösen Bezeichnungen bescherte. Noch früher, in den ersten Jahrhunderten nach Christus, gelangten wiederum aus dem Lateinischen alle wichtigen Bezeichnungen rund um Haus, Handel, Krieg und Verwaltung durch die Römer ins Germanische. Das heutige Deutsch wäre nicht denkbar, hätten sich damals die Menschen den fremden Wörtern rigide entgegengestellt.

Zwar sind die alten Entlehnungswellen insofern nicht ganz mit der heutigen (allerdings deutlich geringeren) Flut englischer Wörter vergleichbar, als dem Deutschen damals tatsächlich ganze Wortfelder fehlten – weshalb als Sprache der Gelehrten auch so lange noch das bereits viel weiter ausdifferenzierte Lateinische vorgezogen wurde. Doch im Bereich von Hightech, Informatik und Internet ist es heute ähnlich, daß schlichtweg deutsche Bezeichnungen fehlen; die inflationäre Verwendung englischer Wendungen im Fernsehen, in der Werbung und oft auch am Arbeitsplatz wäre allerdings nicht nötig.

Gut zwei Drittel der über 60jährigen stören sich laut einer Umfrage an englischen Ausdrücken im deutschen Sprachraum. Die „Anglizismen-Schwemme“ scheint den deutschen Wortschatz in Teilen zu verdrängen. Beruhigend ist allerdings, daß das Deutsche im 18. Jahrhundert bereits einen viel größeren sprachlichen Fremdeinfluß, hier aus dem Französischen, ohne bleibende Schäden überstanden hat: „Jeder Lakai fand ein Plaisir daran, so zu parlieren und sich bei jeder Occasion den anderen durch Complimente zu obligieren …“ (4) Die Nachahmung der französischen Hofkultur ging hier sogar so weit, daß Voltaire bei einem Besuch am preußischen Hof Friedrichs des Großen im Jahr 1750 nach Hause schrieb: „Ich bin hier in Frankreich. Man spricht ,unsere Sprache'; das Deutsche ist nur für die Soldaten und die Pferde.“ Hiervon sind wir derzeit weit entfernt. Ebenso vom Fremdwortanteil des Englischen, in dem rund jedes dritte Wort französischen Ursprungs ist. (1) Auch der Duden wird nicht dünner, sondern dicker, und unter den rund 1.000 Neuzugängen jedes Jahr sollen sich nur fünf Prozent Fremdwörter befinden. Nicht mitberechnet wird außerdem meist, wie viele Fremdwort-Importe unbenutzt wieder aus den Nachschlagewerken gestrichen werden und in Vergessenheit geraten. Große Mengen an Fremdwörtern, die in der ersten Duden-Auflage von 1880 noch gelistet waren, hat heute niemand je gehört: „Allein unter dem Buchstaben ,A' sind Hunderte von Fremdwörtern verzeichnet, die im heutigen Duden nicht mehr aufgeführt sind, weil sie entweder völlig ungebräuchlich oder gar unbekannt sind: abalinieren, Abandonnement, abducieren, abhorrescieren, abhorrieren, abjurieren, ablaktieren …“ (1) Überflüssige Fremdwörter der Jetztzeit entpuppen sich damit auf lange Sicht vermutlich ebenfalls wieder als „Eintagsfliegen“.
 

Tagleuchter, Klapprechner und das Verschlingen von Fremdem

Besonders im Visier der Sprachpfleger sind heute die Anglizismen, die viel strenger bewertet werden als genauso fremde Importe aus anderen Sprachen. Daß auch Wörter wie Heiland und Heiliger Geist letztendlich „Anglizismen“ sind, die auf das Altenglische zurückgehen und von dort ins Althochdeutsche übertragen wurden, (5) ist heute natürlich nicht mehr durchsichtig. Es ist überhaupt ein Dilemma: So wenig gerne Fremdwörter gesehen sind, so wenig beliebt ist aber auch die Anpassung eines Wortes an die deutsche Orthographie, wie die emotionalen Reaktionen auf vorgeschlagene Neuschreibungen bei der Rechtschreibreform 1996 gezeigt haben. Manche Erscheinung kann hierbei vielleicht am ehesten noch mit einem Gewöhnungseffekt und umgekehrt grundsätzlichem Mißtrauen gegenüber Neuem erklärt werden – wie das folgende Beispiel von Rudi Keller auf die Spitze führt: „Wer heute vorschlägt, Spaghetti ohne ,h' zu schreiben, riskiert den Vorwurf, die abendländische Kultur zu schänden (wobei er den Plural Spaghettis vermutlich ungestraft bilden darf). Wer aber das englische Wort cakes als Keks schreibt und dies auch noch für eine Singularform hält, macht sich keines Frevels verdächtig.“ (1)

Ähnliches kann zum Beispiel auch für den seit langem feststellbaren Rückgang stark flektierender Verben gesagt werden. So fand 1871 Jacob Grimm, „daß es schöner und deutscher klinge, zu sagen buk, wob, boll […] als backte, webte, bellte und daß zu jener Form die Partizipia gebacken, gewoben, gebollen stimmen.“ (6) Sprachpfleger werden Grimm für die ersten zwei Verben noch zustimmen, beim dritten allerdings kaum mehr, da uns die Form heute zu fremd geworden ist – ähnlich wie die einstigen Vergangenheitsformen krisch (kreischte), knat (knetete) und rach/gerochen (rächte, gerächt). Selten, aber doch belegt ist übrigens auch der umgekehrte Fall: So heißt es ursprünglich schwach flektierend gewinkt und fragte, das manchem richtiger erscheinende gewunken und frug ist hingegen eine irrtümliche Analogbildung neueren Datums – genauso wie genossen für geniest.

Wilhelm Fabricius von Hilde beklagte 1621, die Deutschen würden „also verderben das [Teutsche] wan da vnsere liebe Altvätter die für zwey vnd dreihundert jahren gelebt wider würden herfür kommen vns nicht würden verstehen können“.

Sprache entwickelt sich, solange sie benutzt wird, und rückblickend können wir wohl froh sein über die Entwicklungssprünge, die das Deutsche seit seiner Ausgliederung aus dem Germanischen in seiner erst gut 1.300 Jahre alten Geschichte zurücklegte, bis es zur Sprache der „Dichter und Denker“ herangereift war. Auch wenn 1621 Wilhelm Fabricius von Hilde beklagte, die Deutschen würden „also verderben das [Teutsche] wan da vnsere liebe Altvätter die für zwey vnd dreihundert jahren gelebt wider würden herfür kommen vns nicht würden verstehen können“ (2), 1642 aus diesem Anlaß der Lyriker Johann Rist zur „Rettung der Edlen Teutschen Hauptsprache“ aufrief und 1678 Andreas Daniel Habichthorst schon monierte, was heute noch genauso gesagt wird, daß nämlich „in der Hochdeutschen Sprache seind sehr viel Stamwörter gar in Ungebrauch gekommen und fast gantz vergangen“.

„Sinnreich bist du, die Sprache von fremden Wörtern zu säubern, / Nun sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht.“ schrieben Goethe und Schiller

Früh bemühten sich Sprachpfleger, fremde Wörter durch heimische Neuprägungen zu ersetzen, und bescherten dem Deutschen damit auch manches gute neue Wort, das heute noch gebräuchlich ist, wie etwa Bücherei für „Bibliothek“ und Anschrift für „Adresse“. Mancher Vorschlag allerdings war gar zu gekünstelt, wie etwa Zitterweh für „Fieber“, und rief schon damals Spott und Kritik hervor: „Oder wann einer die Pistolen haben wolte und forderte die Reit-Puffer: […] wer würde ihn mit den neugebackenen Wörtern verstehen?“ (Christian Weise 1668) Auch der Schriftsteller Grimmelshausen machte sich zwei Jahre später lustig und warf den selbsternannten Sprachreinigern dazu fehlende Konsequenz vor: „Ihr Herrn Landsleuthe, die ihr euch vor teutsche Sprachpolierer ausgebt und alles miteinander pur teutsch haben wollet […]: Wann ihr ein Fenster darumb daß es lateinisch klingt nit mehr Fenster: sonder einen Tagleuchter benahmet, warumb nennet ihr dann nicht auch die Pforten und Thüren anders, deren Namen ebenmässig von den Lateinern und Griechen herstamen?“ (2) Ähnliches könnte heute Sprachvereinen entgegengehalten werden, die sich bemühen, aus dem Laptop einen Klapprechner und aus dem Chatten ein Netzplaudern zu machen. Schon Goethe wußte, daß eine bloße Ablehnung alles Fremden nicht der Königsweg ist: „Die Gewalt einer Sprache ist nicht, daß sie das Fremde abweist, sondern daß sie es verschlingt.“ Es gilt, bereichernde Angebote anzunehmen, und mit mancher erzwungenen Ersetzung eines Fremdworts gehen leider auch inhaltliche Differenzierungen verloren: Eine Show ist nicht dasselbe wie eine Vorführung, Melancholie nicht gleich Traurigkeit, Kommunikation mehr als Austausch, eine Jeans noch keine Nietenhose. In den Xenien schrieben Goethe und Schiller bissig über den Puristen: „Sinnreich bist du, die Sprache von fremden Wörtern zu säubern, / Nun sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht.“
 

„… fahren sie an mit häßlichen Worten“

Mit der „Fremdwörterei“ in engem Zusammenhang steht auch der zu jeder Zeit vielkritisierte Umgang Jugendlicher mit Sprache. Mit eigenwilligen Wortkreationen, provokativem Vokabular und selbstgebrauter Grammatik stellen sie die geltende Sprachnorm auf den Kopf, sich dabei bewußt von der Elterngeneration abgrenzend und ihre eigene Identität suchend. Sprache läuft parallel mit der Entwicklung einer Gesellschaft, und in ihrem Wortschatz hält die Sprache Jugendlicher auch den Medien und ihrem Umfeld, seinen Lebensthemen und seinem Materialismus, den Spiegel vor. Ist Kiezdeutsch, der türkdeutsche Jugendslang und Schrecken aller Sprachbewahrer, das Deutsch von morgen? Zunächst einmal ist Jugendsprache für den informellen Austausch in der Eigengruppe reserviert und nicht für distanzierte Schriftlichkeit. Ihre Nutzer verstehen sie üblicherweise als gruppeninternen Code und nicht als Konkurrenz zur Standardsprache. Dies zeigt sich in einer ständigen Erneuerung des Trendvokabulars, das oft nur eine kurze Halbwertszeit hat – und sicherstellt, daß die Bemühungen „ewig Junggebliebener“, sich Teenagern sprachlich anzubiedern, in der Regel nur mitleidige Blicke hervorrufen. Es verhält sich hier ähnlich wie mit vielen Fremdwörtern: dufte, hip, groovy und knorke sind auf Schulhöfen längst nicht mehr zu hören. Allerdings mag man sich des Eindrucks schwer erwehren, daß es sprachlich „härter“ wird. Dies läßt sich dadurch erklären, daß Jugendsprache immer auch stark expressiv ist, wodurch sie ihre oft schockierende Wirkung entfaltet. Werden Wörter inflationär verwendet, büßen sie allerdings schnell ihre ursprüngliche Ausdruckskraft ein und sind bald nur mehr Worthülsen, die im Gegenüber wie in einem selbst nichts mehr auslösen. Dann müssen sie ersetzt werden, und weil die Sprecher durch den gewohnten Umgang mit harten Ausdrücken auch selbst abstumpfen, müssen Wörter immer schneller ausgetauscht werden. Ein Begriffsverschleiß-Prozeß ist damit in Gang gesetzt, der in seiner Problematik allerdings keineswegs nur der Jugend vorzuhalten ist, sondern allgemein auf vielen Gebieten zu beobachten ist.

Die Ergebnisse von Untersuchungen zur Sprachkompetenz Jugendlicher relativieren immerhin die verbreitete Meinung, daß junge Menschen „kein Deutsch mehr können“. Offenbar sind sie durchaus in der Lage, situativ angemessen zwischen Jugendjargon und Standardsprache zu wechseln – wie es auch bei Dialektsprechern der Fall sein sollte. Als Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese allerdings darlegte, daß Kiezdeutsch als eine neue Varietät des Deutschen anderen Dialekten gleichgestellt werden könne, (7) erntete sie einen Proteststurm. Gibt nicht auch dies zu denken, das Reinhaltenwollen einer homogenen Hochsprache auf der einen Seite, das Nichtzulassenwollen von Variation – so sei das Deutsche durch mit der Rechtschreibreform erlaubte Mehrfachschreibungen „nicht mehr eindeutig“ – und gleichzeitig die forcierte Förderung der Dialekte?

Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt.“ Aristoteles vor über 2.300 Jahren

Was allerdings den zu erwartenden Einfluß der Jugendsprache auf das Standarddeutsche anbelangt, mag wiederum ein Blick in die Sprachgeschichte beruhigen: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt“, äußerte sich Aristoteles vor über 2.300 Jahren. „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos“, meinte schon eine rund 4.000 Jahre alte Keilschrift aus Chaldäa. Die Klage über die für die Kultur ruinöse Jugend ist damit zumindest so alt, wie die Aufzeichnungen zurückreichen. Und wie verhält es sich mit der Jugendsprache im speziellen? „Der Vorwurf der ,unanständigen' Ausdrücke von Jugendlichen wurde schon in frühen Phasen der Sprachgeschichte erhoben. Bereits die historische deutsche Studentensprache hatte im Zeitraum von 1650 bis 1850 viele Ausdrücke vor allem aus dem Rotwelschen, einer alten deutschen Gaunersprache, übernommen, was insbesondere von der akademischen und politischen Obrigkeit getadelt wurde.“ (8) Der griechische Dichter Hesiod beschwerte sich bereits im 7. Jahrhundert vor Christus über die ungezogenen Bengel seiner Zeit: „… entziehen sie die Ehren den altersgebeugten Erzeugern, mäkeln an ihnen und fahren sie an mit häßlichen Worten“. Ob der Sprachgebrauch der Jugend heute drastisch schlimmer geworden ist? Rudi Keller merkt dazu kritisch an: „Sollten beispielsweise zur Goethezeit, als 70 Prozent der Bevölkerung Analphabeten waren, die Jugendlichen ein besseres Deutsch gesprochen haben?“ (1) Als Trost bleibt für jugendliche Unwörter aber wohl großteils noch heute gültig, was der Schriftsteller Daniel Ludwig Wallis 1813 aus eigener Erfahrung spricht: „Sobald man der Burschenwelt entrueckt ist, fallen nach und nach die fremdartigen Woerter weg.“

 

Neue Medien und „verschriftete Mündlichkeit“

Der gefühlt immer nachlässiger werdende Umgang mit Sprache wird – wohl zu Recht – auch mit fragwürdigen Medieneinflüssen und deren Vorbild in Verbindung gebracht. Ebenso mit den Möglichkeiten der „Neuen Medien“: Eine auf 160 Zeichen begrenzte SMS oder eine auf sogar nur 140 Zeichen beschränkte Twitter-Kurznachricht kann naturgemäß keine kunstvollen Satzbauwerke im Stile Heinrich von Kleists hervorbringen und begünstigt zudem Abkürzungen. Doch dazu legten die ähnlich kurzen Telegramme vor 50–150 Jahren bereits den Grundstein. In der Tat aber ist die Etablierung von E-Mails, Foren, Instant Messengern und Chats in den letzten Jahren aus sprachhistorischer Sicht ein Novum: Bis dahin war die Schriftlichkeit reserviert für reflektierten, stärker distanziert-formellen, monologisch geprägten Austausch. Die zeitlich unmittelbarere informelle Freizeitkommunikation hingegen erfolgte im Mündlichen, das gerade wegen seiner Spontaneität und Direktheit immer auch grammatisch fehleranfälliger ist als das Schriftliche. Inzwischen hat sich ein großer Teil des vormals mündlichen informellen Austauschs in das Schriftliche verlagert. Dorthin hat er wegen der (besonders im Chat) noch immer vorhandenen Direktheit, in der die Wortbeiträge viel rascher aufeinander folgen als im Briefverkehr, auch die Merkmale der Mündlichkeit mitgenommen, darunter die geringere Sorgfalt im Formulieren und die daraus entstehende höhere Fehlerrate. Ebenso aber auch Konventionen zum Ausdruck paraverbaler Signale (etwa erhöhte Lautstärke – Großschreibung) und nonverbaler Signale (Verwendung von Smileys). Die Sorge ist nun, daß diese neue „verschriftete Mündlichkeit“ mit ihrer manchmal ins Extrem gehenden Achtlosigkeit „von unten“ die deutsche Sprache aufweichen und in eine Anarchie führen könnte. Sprachwissenschaftliche Studien geben hier aber derzeit noch Entwarnung: So, wie kaum jemand auf die Idee käme, in einer Prüfungssituation im Kneipenjargon zu sprechen, könnten Jugendliche sehr wohl differenzieren, welches sprachliche Register, welcher Stil in welcher Situation angemessen sei. Die Gebräuche der Internetkommunikation würden sich nicht meßbar auf die Produktion von Texten, in denen die Hochsprache gefordert ist, durchschlagen: „Es gibt keine Indizien dafür, daß Textsortenbereiche, für die sprachliche Elaboriertheit wichtig ist, von den informellen Schreibmustern im Netz beeinflußt werden.“ (9)

Zwar zeigen Untersuchungen sehr wohl, daß Fehler in Rechtschreibung und Grammatik in Schülertexten merklich zugenommen haben, Texte zum Teil auch stärker an die Mündlichkeit angelehnt werden – doch dieser Trend ist bereits seit Anfang der 70er Jahre spürbar, als es das Internet noch gar nicht gab. Er ist vor allem darauf zurückzuführen, daß auf diese formalen Fertigkeiten im Deutschunterricht inzwischen deutlich weniger Wert gelegt wird als früher und Schüler stärker zum freien, kreativen Schreiben motiviert werden. Tatsächlich hat sich im Gegenzug der Wortschatz der Kinder erweitert, Aufsätze seien heute abwechslungsreicher und außerdem auch länger als noch vor einigen Jahrzehnten. Und wird heute wirklich „nicht mehr gelesen“? Im Gegenteil: Durch das Internet wird inzwischen mehr gelesen und geschrieben als je zuvor. Was gelesen wird, mag qualitativ fragwürdig sein, und die Bücher der alten Klassiker verstauben zunehmend in den Regalen der Elternhäuser – doch wieder ist die Klage darüber nicht neu: „Ganz ernstlich muß ich nun aber hier zu bedenken geben, daß gewiß mehr als 9/10 der überhaupt lesenden Menschen nichts als die Zeitungen lesen …“ (10), beklagte Arthur Schopenhauer 1851, vor über 160 Jahren. Im selben Aufsatz spricht er auch von der „gerügten ,jetztzeitigen' Verschlimmbesserung der Sprache durch der Schule zu früh entlaufene und in Unwissenheit herangewachsene Knaben“, eine Äußerung, wie sie heute oft auch ähnlich zu hören ist. Wer würde heutzutage noch dem Sprachpfleger Gustav Wustmann zustimmen, der fand, die Sprache sei schon 1891, rund 30 Jahre vor den großen Werken Thomas Manns und Hermann Hesses, „geradezu wie verkommen und verrottet“ gewesen?
 

Sprache dokumentiert Entwicklungszustände

Eine wichtige Erkenntnis scheint mir jene von Wolfgang Hömig-Groß im „Bremer Sprachblog“ zu sein, nämlich „daß der ,Verfall' nicht wahllos ist, sondern in Wirklichkeit eine […] notwendige Anpassung der Sprache an die von ihren Sprechern gewünschten Ausdrucksmöglichkeiten darstellt“. Die Sprache dokumentiert damit auch die Entwicklung einer Gesellschaft. Und sie sagt etwas über den Sprecher oder Schreiber aus: „Wer nachlässig schreibt, legt dadurch zunächst das Bekenntniß ab, daß er selbst seinen Gedanken keinen großen Werth beilegt“, fand Schopenhauer. (10) Wenn Forenbeiträge und Netzkommentare jede Sorgfalt vermissen lassen und schon der Satzbau deutliche Einblicke in ein wirres Denken gibt, manchmal bis hin zur völligen Unleserlichkeit (neben Satzbrüchen durchgängige Kleinschreibung, keine Interpunktion, Rechtschreibung nach Aussprache und zusätzliche Tippfehler), kommt darin nicht zuletzt eine Rücksichtslosigkeit zum Ausdruck, denn die Mühe, die sich der Schreiber im Formulieren spart, obliegt schließlich seinem Leser.

Oft ist mit diesem Problem ein weiteres verbunden, das besonders auf Ratgeberseiten und in Hilfsforen unangenehm auffällt: die vielen unreflektierten Stellungnahmen zu allem und jedem, Meinungsäußerungen trotz gänzlich fehlender Kompetenz. Soziale Plattformen wie Facebook, Instagram und Twitter bieten beste Möglichkeiten zur Selbstdarstellung, und sie werden ausgiebig dafür genutzt. Selbstdarstellung mag auch ein großer Anteil der in den letzten Jahren über das Internet zu beobachtenden Kommunikations-Explosion sein. Es wird viel mehr geredet und geschrieben, als wirklich nötig wäre und vielleicht auch als zuträglich ist. „Immer noch besser, etwas Gutes wegzulassen, als etwas Nichtssagendes hinzuzusetzen. Also, wo möglich, lauter Quintessenzen, lauter Hauptsachen“, empfahl Schopenhauer. (10) Davon hat sich die Netzkultur weit entfernt. Und Schopenhauer empfand auch richtig: „Viele Worte machen, um wenige Gedanken mitzutheilen, ist überall das untrügliche Zeichen von Mittelmäßigkeit.“ Dies bestätigen die Stillehre und die Rhetorik: Kraftvolle, wirkungsreiche Sprache ist immer kurz und bestimmt, „jedes überflüssige Wort wirkt seinem Zwecke gerade entgegen“. (10) Und nicht nur das, es ermüdet auch aus gutem Grund, da seine Wirkung keine aufbauende ist. Vor der nicht zu unterschätzenden Macht der formenden Sprache warnt daher schon die Bibel: „Eure Rede aber sei: ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Übel.“ (Matthäus 5, 37) Noch größere Vorsicht ist geboten, wenn die Rede vom Mitmenschen handelt, dem dabei so leicht und vermeintlich folgenlos Unrecht getan wird. Eine Verantwortung, vor der das achte Gebot warnt.
 

Verengte und breitgetretene Begriffe

Das Herzstück einer Sprache ist ihr Wortschatz, und auf diesen ist meines Erachtens besonders zu achten. In einer lebendigen Sprache wird es dabei einen harten Kern geben, der beständig bleibt, und eine Randzone, von der verschiedene Teile über längere Zeiträume hinweg in ständigem Wandel begriffen sind. Neue Wörter werden gebildet oder aus anderen Sprachen übernommen, alte geraten in Vergessenheit. An der Art der neu hinzukommenden oder verlorengehenden Wörter – und damit auch Begriffe, greifbar-verdichteter Vorstellungen, innerer Bilder – läßt sich besonders gut in groben Zügen die Entwicklung einer Gesellschaft ablesen. Das Hinzukommen vieler neuer technischer Begriffe ist ein Indikator für die rasante technische Entwicklung in unserer Zeit. Leider deuten auch die ständig nötig erscheinenden Wortneubildungen zur Beschreibung neuer Formen von Verbrechen – seit einigen Jahren besonders im Rahmen der „Cyberkriminalität“ im Internet – oder das wachsende Erotik-Vokabular eine Richtung an, in die unsere Entwicklung verläuft. Man stelle sich eine Menschheit vor, die nur nach Gutem strebt, sich um Nächstenliebe, Gerechtigkeit und aufbauendes Handeln bemüht, so fern ein solcher Zustand heute auch scheint. Wie viele Hunderte, Tausende Wörter zur Beschreibung übler Taten, Zustände und Werkzeuge bräuchte sie nicht!

Verengen sich die Bedeutungen der Wörter, verlieren wir den Zugang zu dem, was ein Wort einst bezeichnete.

Mit dem Hinzukommen vieler neuer, oft unschöner Bezeichnungen ist eine gegenläufige, noch bedenklichere Entwicklung verbunden: das In-Vergessenheit-Geraten von Wörtern, die nach oben weisen, die Höheres ansprechen. Und noch tückischer: das Behalten dieser Wörter, aber Verengen der Wortbedeutungen auf das rein Irdische. Reinheit – für diesen Begriff nennen Wörterbücher heute als Synonyme zuerst „Gepflegtheit“ und „Sauberkeit“. Bezeichnungen, die mit Materiellem in Zusammenhang stehen. Erst später folgen auch „Lauterkeit“ oder „Tugendhaftigkeit“, „Schlichtheit“ und „Keuschheit“ – Wörter, die heute nicht mehr alltagstauglich sind, die fast schon altertümlich klingen, die aber dafür ein vages Bild formen, das über Materielles weit hinausgeht.

Gehen uns die Wörter verloren, entschwinden uns auch langsam die Begriffe. Verengen sich die Bedeutungen der Wörter, verlieren wir den Zugang zu dem, was ein Wort einst bezeichnete. Gleiches gilt für die willkürliche Ausweitung der Gebrauchskontexte eines Wortes, die zu einer Verflachung der Bedeutung führt. In beiden Extremen kann ein Mißbrauch gesehen werden – so wurde, neben anderen, der Begriff der „Reinheit“ vor allem durch Rassenideologie und Nationalsozialismus so sehr verengt, daß er heute schon als vorbelastet gilt. Und was löst es in uns auf der anderen Seite heute noch aus, wenn wir den höchsten der Begriffe, „Gott“, hören, der durch inflationären Gebrauch in allen möglichen und unmöglichen Zusammenhängen geradezu zu einer Floskel, einer leeren Worthülse geworden ist?

„Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde“, fand Christian Morgenstern 1907

Erkenntnisse aus dem Wörterbuch

Ein Blick in Herkunftswörterbücher bringt aufschlußreiche Anregungen dazu, welche Bedeutung in manchem Wort ursprünglich mitschwang, das heute vielleicht nur noch als triviales Alltagswort gebraucht wird oder das mittlerweile gar mit einer unguten Nebenbedeutung belegt ist, das man also lieber vermeidet oder nur entsprechend abwertend gemeint verwendet. Dazu einige Beispiele, bewußt auch unter Einbeziehung von Lehnwörtern:

• Enthusiasmus: „Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde“, fand Christian Morgenstern 1907 in seiner Aphorismen-Sammlung „Stufen“. Dem von griechisch éntheos („gotterfüllt“) abgeleiteten Wort, das ursprünglich nur in religiösem Zusammenhang Verwendung fand, werden heute Synonyme wie „Leidenschaft“ und „Schwärmerei“ beigesellt. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert „wird die Bedeutung des Wortes allgemeiner und weltlicher“ (Wikipedia), dem voraus ging eine abwertende Verwendung des Wortes für religiösen Fanatismus („Gottbesessenheit“) und damit zusammenhängende Eitelkeit und Beschränktheit. Vormals bezeichnete dieses Wort aber „die Inspiration durch göttliche Eingebung“ – und welche Begeisterung (eine Regung, die den Geist ergreift) könnte größer sein als die, die von dem Drang beseelt ist, für das Höchste zu wirken, der Wortherkunft nach „von Gott ergriffen“?

• Keuschheit: Das heute nur noch mit ungutem Beigeschmack im Sinne körperlicher Unberührtheit gebrauchte Wort geht zurück auf lateinisch consicous („bewußt“, „mitwissend“, „eingeweiht“). Wer bewußt lebt, weil er von den wirkenden Gesetzmäßigkeiten weiß, in die Kenntnis der Zusammenhänge „eingeweiht“ ist, der war vormals als „keusch“ zu bezeichnen, so läßt sich daraus vermuten. Im frühen Mittelalter herrschte dann die Bedeutung „der christlichen Lehre bewußt“ vor, was mit Tugend und Lauterkeit in Verbindung stand. Erst daraus verengte sich die Bedeutung schrittweise über „sittsam“, „mäßig-enthaltsam“ zu „sexuell enthaltsam“. Martin Luther faßte den Begriff noch viel weiter, wenn er übersetzte: „Die Weisheit von obenher ist auf's erste keusch …“ (Jakobus 3, 17 – heute vermehrt übersetzt mit „… ist rein und klar“), und bei Jakob Lorber findet sich im 19. Jahrhundert eine Definition von Keuschheit als „derjenige Gemütszustand des Menschen, in welchem er aller Selbstsucht ledig ist“. Keuschheit rückt damit in große, ja untrennbare Nähe zur Nächstenliebe!

• Naivität: Was heute im Sinne von „Dummheit“, „Beschränktheit“ verstanden wird, war ursprünglich eine gekürzte Form aus lateinisch nativus („ursprünglich“, „natürlich“, „angeboren“), geht also auf das heute noch gebräuchliche Fremdwort „nativ“ zurück. Wer früher als naiv bezeichnet wurde, der war unverbogen, ehrlich, kindlich, treuherzig! Arglos in der ursprünglichen Bedeutung: ohne Böses, ohne Schlechtigkeit (mittelhochdeutsch arc). Gleiches gilt für die deutsche Bezeichnung „Einfalt“, deren Bedeutung sich „in neuerer Zeit weiter in abfällig-spöttische Richtung zu 'Dümmlichkeit' und 'Ungebildetheit'“ (Wikipedia) verschiebt. Nicht „Ungebildetheit“, sondern „Unverbildetheit“ müßte es eigentlich heißen, die Fähigkeit, noch schlicht vertrauensvoll aufnehmen und empfinden zu können: sancta simplicitas, die „heilige Einfalt“. Naivität zeigt in seiner tugendhaft-kindlichen Ausprägung, so Friedrich Schiller, „ein Herz voll Unschuld und Wahrheit“, und Immanuel Kant sah in ihr „eine edle und schöne Einfalt, welche das Siegel der Natur auf sich trägt“ – damit etwas Erstrebenswertes!

• warten: Das Wort bezeichnet heute einen rein passiven Zustand: „Zeit verstreichen lassen beziehungsweise untätig sein, bis ein bestimmter Zustand eintrifft“. (Wiktionary) Ursprünglich ist Warten aber durchaus etwas Aktiveres. Im Althochdeutschen erscheint es zunächst in der Bedeutung „Ausschau halten“ (von „Warte“ als Beobachtungsposten) und hat damit auch mit „aufpassen“ und „wachen“ zu tun, ja mit „hüten“. In der Verwendung von „ein Gerät warten“ zeigt sich dieser Bedeutungsaspekt heute noch, der sich weiterentwickelt hat zu „pflegen“. Auch der Wärter achtet auf etwas, betreut es. Wenn in Jesu Gleichnis nun die klugen und törichten Jungfrauen auf den „Bräutigam“ warten oder heute auf bessere Zeiten gewartet wird, so sollte darin der ursprünglichen Bedeutung nach mehr als ein untätiges Abwarten liegen: Wachsamkeit und ein Hüten und Pflegen unserer inneren Schätze, damit sie im „Warten“ nicht verlorengehen, schließlich ist Stillstand (unbemerkter) Rückschritt. Im Warten, dem Aussetzen äußerer Aktivität, liegt so die Chance, sich selbst und sein Innenleben zu „warten“.

Viele weitere Wörter zeigen eine aufschlußreiche Etymologie: So ist die Wurzel von „wissen“ dieselbe wie in lateinisch videre („sehen“, vgl. „Vision“) und meint ursprünglich „gesehen haben“. Um gerechtfertigt von „Wissen“ sprechen zu können, reicht es also nicht, von etwas nur gehört oder gelesen zu haben – es muß selbst gesehen, erlebt worden sein. „Lesen“ meint nicht nur ein passives Konsumieren, sondern von lateinisch legere ein aktives Sammeln, Auswählen und Zusammentragen, wie es im Adjektiv „auserlesen“ noch anklingt. Und der „Fromme“ führt nicht ein weltfremdes, kontemplatives Leben in einer abgeschiedenen Klause, sondern er ist der ursprünglichen Bedeutung nach nützlich und tüchtig, brauchbar, dazu tapfer und rechtschaffen – steht also mitten im Leben! „Man unterschätze nicht die 'Botenstoffe' der Sprache“, mahnte Schriftsteller Botho Strauß in einem Zeitungsaufsatz und sprach von „geiststimulierenden Begriffen“. Den Geist, unser Inneres, ansprechen, in uns etwas zum Klingen bringen können inhaltsreiche Wörter aber nur, wenn sie für uns noch nicht abgenutzt sind, sondern ein Bild formen, das ein Ahnen von Höherem weckt.

Die deutsche Sprache wird nicht untergehen – doch wie sehr sie weiterhin unseren Geist, unser Empfinden, ansprechen kann, liegt an unserem eigenen Umgang mit ihr. Hier hilft nur das Arbeiten an sich selbst, damit die Sprache von innen heraus mit Leben gefüllt bleibt – und keine Sprachdogmen, kein anklagender Feldzug gegen vermeintliche Kulturschänder und „Sprachpanscher“.

 

Literatur:

(1) Rudi Keller, Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht?, Düsseldorf 2004

(2) William Jervis Jones (Hrsg.), Sprachhelden und Sprachverderber: Dokumente zur Erforschung des Fremdwortpurismus im Deutschen, Berlin 1995

(3) Otto Schulz, Die Sprachgesellschaften des 17. Jahrhunderts, Berlin 1824

(4) Peter von Polenz, Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart, Berlin 2000

(5) Hans Ulrich Schmid, Einführung in die deutsche Sprachgeschichte, Stuttgart 2009

(6) Heide Wegener, Entwicklungen im heutigen Deutsch – Wird Deutsch einfacher?, Deutsche Sprache 1/2007

(7) Heike Wiese, Kiezdeutsch – Ein neuer Dialekt entsteht, München 2012

(8) Eva Neuland und Johannes Vollmert, Jugendsprachen als Objekt und als Mittel von Sprachkritik, aptum 2/2009

(9) Angelika Storrer, Über die Auswirkungen des Internets auf unsere Sprache, Essen 2010

(10) Arthur Schopenhauer, Über Schriftstellerei & Stil, in: Parerga und Paralipomena II, Berlin 1851

 

 

 

 
   
 
=> Willst du auch eine kostenlose Homepage? Dann klicke hier! <=