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  Ist Geschlecht wirklich nur sozial konstruiert?
 

Ist Geschlecht wirklich nur sozial konstruiert?

– Kritische Anmerkungen zur Genderdebatte –



Vorab – worum es geht:
Die zeitgenössische Geschlechterforschung („Gender Studies“) ging ursprünglich aus feministischen Ansätzen hervor. Während zwar einige Aufsätze noch immer emotional aufgeladen das allgegenwärtige Patriarchat voraussetzen, die Unterdrückung der Frau durch den Mann auf den verschiedensten Gebieten, und darin teils auch sprachlich offensiv vorgehen, ist der Tonfall im großen Ganzen doch sachlicher geworden, die Betrachtungsweise ausgewogener und geschlechtsneutraler. Auch Probleme des Mannes mit von ihm erwarteten Rollenmustern etwa sind inzwischen Thema.

In den Anfängen stand die Unterscheidung zwischen dem biologischen Geschlecht („sex“) und dem sozialen Geschlecht („gender“). Inzwischen hat sich diese an sich nützliche Aufteilung jedoch so weit verschoben, dass die Kategorie des biologischen Geschlechts in vielen Fällen ganz in Abrede gestellt wird. Das heißt: Angeborene Unterschiede zwischen Frau und Mann werden gänzlich abgestritten. Jeder beobachtbare Unterschied wäre damit durch Sozialisation erklärbar: Von Kind auf werden wir mit Ideologien und Rollenmustern indoktriniert, bis wir uns so verhalten, wie es den herrschenden Vorstellungen vom Wesen und Auftreten einer Frau oder eines Mannes entspricht.

Dieser Aufsatz will zeigen, dass mit dieser radikalisierten Sichtweise das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird. Sie ist meines Erachtens nur aufrechtzuerhalten zum Preis der Unwissenschaftlichkeit und des Übergehens einer beachtlichen Menge an Gegenevidenz.

Es sei noch vorausgeschickt, dass die Geschlechterforschung inzwischen noch einen Schritt weiter geht und überhaupt die binäre Aufteilung in „Mann – Frau“ in Frage stellt. Dies nicht nur auf der biologischen Ebene, sondern ebenso auf der Ebene von Gender und Identität. Transgender ist das aktuelle Schlagwort. Doch es ist nicht an die doch noch marginal auftretende Transsexualität gebunden, sondern findet allgemeine Anwendung: „Separate genders are a constructed fiction. The reality is a gender continuum that crosses the entire continuum.“ (Rothblatt 2015)

In der Praxis hat diese Diskussion zum Beispiel bereits ihren Niederschlag gefunden in der Forderung nach weiteren Ankreuz-Optionen in Formularen und Fragebögen, zuletzt sogar in Forderungen nach einer dritten, geschlechtsneutralen Toilettenart für Menschen, die sich nicht für eine der beiden Kategorien „Mann“ oder „Frau“ entscheiden möchten. Die Transgender-Problematik ist allerdings nicht Thema dieses Aufsatzes.


1. Wissenschaftlichkeit der Gender Studies

Die Disziplin der Gender Studies ist in ihren Ursprüngen feministisch fundiert, das heißt, zu ihren erklärten Zielen gehört auch der Einsatz für die Selbstbestimmung und Gleichstellung der Frau. Sie ist damit Forschung mit einem sozialpolitischen Interesse. Das ist an sich gutzuheißen, denn Forschung kann, ja soll oder muss sogar anderweitige Implikationen haben, die über das bloße Erkenntnisinteresse hinausgehen – sonst stellt sich die Frage, weshalb sie aus öffentlichen Geldern finanziert werden sollte.

Dieses Ziel muss aber dem Streben nach Erkenntnisgewinn untergeordnet bleiben, sonst wird Forschung tendenziös. Die Gender Studies allerdings erscheinen von Anfang an nicht ergebnisoffen. Für eine traditionell wissenschaftliche Herangehensweise wäre auf diesem Gebiet die Fragestellung zu erwarten: „Gibt es angeborene Unterschiede zwischen Mann und Frau oder nicht?“ Für Vertreter der Gender Studies ist diese Frage aber schon im Voraus unanfechtbar beantwortet, womit ihr zwei Ziele verbleiben, die weniger wissenschaftlich sind:

a) Das Sammeln von möglichst viel Evidenz, um den eigenen Standpunkt zu stärken, dass es keinen (relevanten) Unterschied von Natur aus gibt. Die Genderforschung setzt damit schon voraus, was sie zu beweisen gedenkt.

b) Die Widerlegung von Gegenevidenz, die aus dem Fach kommt, das eigentlich für die Natur zuständig ist, nämlich der Biologie. Verweise auf entsprechende Studien werden oft von vornherein mit dem Vorwurf geblockt, eine nicht zeitgemäße Ideologie des „Biologismus“ zu vertreten – „[t]he idea that male-female differences have their roots in biology“ (Cameron 2014: 289).

Hinzu kommt, dass die Genderforschung auf voraussetzungsreichen Prämissen beruht. Sie geht einerseits von einem weitreichenden Sozialkonstruktivismus aus. Zum anderen will sie die Entwicklung von Persönlichkeit allein durch Umwelteinflüsse und Sozialisation erklären. Sie folgt darin der Annahme des radikalen Behaviorismus, dass der Mensch als „tabula rasa“ geboren wird und nichts Angeborenes mitbringt. Dies widerspricht dem heutigen Forschungsstand der Biologie und Entwicklungspsychologie, die von einem Wechselverhältnis beider Faktoren ausgeht, das je nach betrachteter Eigenschaft mehr in die eine oder mehr in die andere Richtung gelagert ist.

Wenn der Sozialisation ein so großer Erklärungswert zugemessen wird, dass der Mensch ihr ganz unterworfen ist, mündet dies ausgerechnet in einen Determinismus – dem die Genderforschung durch die Verneinung biologischer Faktoren ja gerade entfliehen wollte. Hier liegt auch eine Erklärung für diese Ablehnung, die aber ein Missverständnis darstellt:

„Unfortunately, many laypersons and members of the scientific community incorrectly assume that human sex differences that have biological origins are unchangeable. The belief that the sex differences are immutable appears to create a psychological resistance to even a thougthful consideration of biological influences.“ (Geary 1998: 330)

2. Warum es keine Unterschiede geben darf

Der emotional aufgeladene Widerstand gegen die – im Rahmen der Theoriebildung unbedingt legitime – Annahme angeborener Unterschiede ist historisch verständlich:

„Immer hingen die angeblichen Defizite der Frauen mit ihrer angeblichen Biologie zusammen, und meistens ging es dabei darum, die Macht der Männer ideologisch zu begründen. Wenn früher von Unterschieden zwischen Männern und Frauen die Rede war, dann lief es immer darauf hinaus, dass Frauen die Schlechteren sind und Männer die Besseren. Die Genderfrauen ziehen daraus den Schluss, dass biologische Forschung insgesamt ein Herrschaftsinstrument der Männer sein muss. Deshalb sagen sie: Es gibt keine Unterschiede, basta. Warum? Weil es einfach keine geben darf.“ (Martenstein 2013: 3)

Ein durch solche Wertungen begründeter Unwille kommt, häufig merklich affektiv aufgeladen, in verschiedenen feministischen Arbeiten deutlich zum Ausdruck. Der Widerstand gegen die Möglichkeit von Unterschieden beruht darin, dass solche Ergebnisse missbraucht werden könnten:

„Man sucht nachzuweisen, dass die üblicherweise angenommenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern überhaupt nicht existieren oder so geringfügig sind, dass man sie vernachlässigen kann. Nur so glaubt man, ungerechtfertigte Vorurteile entmächtigen zu können und damit der Diskriminierung ihre Basis zu entziehen.“ (Bischof-Köhler 2002: 12)

Dass aus naturgegebenen Unterschieden (dem „Sein“) aber nicht auf ein „Sollen“ für die Frau geschlossen werden kann – etwa im Sinne einer Rollenverteilung –, ist eigentlich bekannt. Man spricht hier vom naturalistischen Fehlschluss:

„Eine solche Legitimierung moralischer Normen durch biologische Einsichten ist aber nicht zulässig und außerdem keineswegs eine logische Konsequenz einer biologischen Betrachtung.“ (Bischof-Köhler 2002: 29)

Häufig wird dieser Unterschied zwischen Sein und Sollen nicht gesehen. Natürlich ist es falsch und kritikwürdig, wenn fehlende Chancengleichheit und ungleiche Behandlung durch Verweise auf grundsätzliche Wesensunterschiede – die obendrein noch nichts über ein einzelnes Individuum aussagen – gerechtfertigt werden. Ein solcher Missbrauch in Wertungen darf jedoch nicht die wissenschaftliche Frage nach dem „Sein“ tabuisieren, die vorerst wertneutral-deskriptiver Natur ist!

Ein Großteil der offensiv-feministischen Arbeiten bedient sich damit zusammenhängend einer Methode unlauterer Argumentation, die in der Rhetorik als ignoratio elenchi bekannt ist – „[v]erdeckter Themenwechsel bzw. Fehlzuordnung von These und Begründung […]: Die Frage nach der Wahrheit einer These ist z. B. nicht mit jener nach ihrer Nützlichkeit zu verwechseln.“ (Löffler 2008: 41).

So liegt etwa – frei adaptiert nach Löffler (2008: 39) – ein klarer Argumentationsfehler vor, wenn gesagt wird: „Man kann den Gender Studies die Wahrheit nicht absprechen. Denn sie weisen auf die Benachteiligung der Frau hin und tragen zu ihrer Gleichberechtigung bei.“ Umgekehrt kann nicht gesagt werden, dass es keine angeborenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt, nur weil solche als Grundlage für Diskriminierungen dienen könnten. Eines hat mit dem anderen nichts zu tun.

3. Forschungs- und Meinungstabus

Eine Anekdote aus dem Vorwort von Bischof-Köhlers Monographie zu einer universitären Vorlesung von ihr bringt das Problem auf den Punkt:

„Ich hatte das Geschlechterthema explizit in einen evolutionsbiologischen Bezugsrahmen gestellt und dem Auditorium zugemutet, sich mit der Möglichkeit anlagebedingter Verhaltensunterschiede auseinanderzusetzen. Das erschien einigen politisch nicht korrekt, schreibt es doch scheinbar die Diskriminierung von Frauen fort.“ (2002: VII)

Hier liegt das Problem: Forschung zu Geschlechtsunterschieden ist politisch nicht korrekt. Forschung zu Unterschieden zwischen Menschen oder gar Menschengruppen ist generell heikel. Dies zeigt sich auch in der Ethnologie, wenn es um kulturvergleichende Studien geht. Ist das zu vergleichende Item zudem noch ein hoch angesehenes, ist schnell eine Tabuzone erreicht. Eine solche Tabuzone ist die Messung von Unterschieden in den kognitiven Fähigkeiten. Aufschlussreich dazu ist der Artikel „Darf man mit IQ-Tests Ethnien oder Geschlechter vergleichen?“ (Asendorpf/Wenderlein 2009). Das Problem kulminiert hier in der Grundsatzfrage:„Was wiegt schwerer: Forschungsfreiheit oder gesellschaftliche Verantwortung?“ (ebd.: 14)

Im Hintergrund stehen gerade hierzulande natürlich die noch sehr präsenten Erfahrungen mit missbräuchlicher „Rassenforschung“ zur Zeit des Nationalsozialismus und davor. Während die IQ-Unterschiede zwischen Männern und Frauen jedoch geringfügig bleiben, hat sich inzwischen allerdings gezeigt, dass sie zwischen Ethnien erheblich differieren (vgl. ebd.: 3). Dieses Ergebnis hat Sprengkraft, kann und darf kaum diskutiert werden. Und dies, obwohl schnell klarzumachen wäre, dass aus solchen Ergebnissen natürlich keine voreiligen Schlüsse gezogen werden können. Nur zwei Gedanken dazu: Erstens misst der IQ-Wert nur einen Teil dessen, was unter Intelligenz zu verstehen ist. Es gehören dazu auch noch andere Faktoren wie etwa soziale Intelligenz, emotionale Intelligenz usw. Zweitens sind die IQ-Tests westlich geprägt und bringen damit eine ethnozentrische Perspektive zum Ausdruck. Wer ein westliches Schulsystem durchlaufen hat, ist mit der für IQ-Tests typischen Denkweise und den Aufgabentypen vertraut, damit im Vorteil.

Dieses Beispiel soll zeigen, dass die Lösung nicht darin liegt, etwas nicht zu untersuchen – es geht nur darum, die Ergebnisse in zu verantwortender Weise zu präsentieren und gegen ideologischen Missbrauch argumentativ abzusichern.

Ein weiteres Beispiel zu einem langjährigen Forschungstabu: Bis noch vor kurzem wurde in der Sprachwissenschaft relativ einheitlich das sogenannte Äquikomplexitätsaxiom vertreten. Es besagt, dass die Gesamtkomplexität aller Sprachen (besonders die der Grammatik) gleich groß ist, und hatte zwischenzeitlich den Charakter eines Dogmas, an dem nicht zu rühren war. Inzwischen hat sich gezeigt, dass die These nicht haltbar ist. Die ersten Forscher, die an ihr zweifelten, sahen sich jedoch heftigen Angriffen ausgesetzt, da man sich erinnert fühlte an historische Ideen von den „hohen“ europäischen Sprachen flektierenden Typs (komplex) und „primitiven“ Eingeborenensprachen (wenig komplex), woraus unzulässige Schlüsse auf die kognitiven Fähigkeiten der Sprachnutzer gezogen wurden.

Doch hier muss, nun wieder bezogen auf das Genderthema und mögliche Diskriminierungsfolgen, festgehalten werden:

„Der berechtigte Wunsch, einer solchen Legitimierung den Boden zu entziehen, darf aber nicht so weit gehen, die wissenschaftliche Diskussion über Anlageunterschiede einzuschränken oder gar zu verbieten [...].“ (Bischof-Köhler 2002: 30)

4. Feindbild Naturwissenschaften

Empirisch gewonnene Erkenntnisse der Biologie, der Psychologie und der Neurowissen- schaften legen nun aber recht deutlich Unterschiede zwischen Mann und Frau nahe. Da in solchen Ergebnissen von feministischer Seite nun zum einen eine Zementierung traditioneller Rollen befürchtet wird, zum anderen eine Grundlage für Diskriminierung, lehnt sie diese Ergebnisse rundweg ab. Ja, sie geht noch weiter und stellt sogar gleich die ganze Naturwissenschaft in Frage, wirft ihren Vertretern unlautere Absichten vor.

Dies deutet sich an, wenn zum Beispiel in einem feministischen Zwischenruf von der „Wahnidee der sogenannten Entwicklungspsychologie“ die Rede ist. Da es sich aber um Ergebnisse aus der Feldforschung handelt und – im Gegensatz zur Genderforschung – nicht um theoretische Denkkonstrukte, kann hier schlecht von „Wahnideen“ gesprochen werden. Es kann allein entweder das Forschungsdesign in Frage gestellt oder eine andere Deutung der Befunde gefordert werden.

Tatsächlich gehen Genderforscher(innen) soweit, die Naturwissenschaft als Ganzes anzugreifen. Martenstein zitiert dazu in den Gender Studies gängige Aussagen: „Naturwissen- schaft ist eine Konstruktion.“, „Naturwissenschaften reproduzieren herrschende Normen.“, „Der Objektivitätsanspruch der Wissenschaft ist ein verdeckter männlicher Habitus.“ und weitere. Ironischerweise treffen sie auf die Genderforschung in allererster Linie zu, wobei lediglich beim letzten Zitat „männlich“ durch „weiblich“ zu ersetzen wäre.

Ich hörte selbst in einem psychologischen Forschungskolloqium einen Soziologen mit voller Überzeugung sagen: „Wozu brauchen wir eigentlich diesen ganzen biologischen Ballast? Wir können doch alles soziologisch erklären!“ Darin liegt eine gewisse Anmaßung, aber auch das Zugeständnis, vom Stand der biologischen Forschung wenig Kenntnis zu haben.

In der Biologie ist die Grundfrage inzwischen geklärt:

„Today, the existence of sex differences in the pattern of cognitive ability and in the structure and functioning of certain regions of the brain is not questioned by most scientists, although the origin of these differences is debated.“ (Geary 1998: 259)

Es handelt sich hier nicht um die Ansicht eines beliebigen Einzelautors, sondern Geary hat über eintausend Fachaufsätze und Studien aus der Biologie und Psychologie für seine Monographie ausgewertet.
Auch Markenstein hält fest:

„In Wirklichkeit ist die Biologie längst weiter. Sie kann zeigen, dass Männer und Frauen in vielen Bereichen gleich sind, in anderen verschieden. Sonst wäre die Evolution ja sinnlos gewesen – wozu zwei Mal das gleiche Modell entwickeln?“ (2013: 3)

Leider geht aus Aufsätzen der Gender Studies oft auch sehr deutlich eine Unkenntnis biologischer Fakten hervor. So etwa, wenn Hagemann-White einmal behauptet hat, bei Tieren nähmen mit zunehmender Nähe zum Menschen Geschlechtsunterschiede im Verhalten ab. Bischof-Köhler schreibt dazu:

„Es ist schlicht unnachvollziehbar, wie jemand, zwölf Jahre nach Joe Goodaals erstem umfassenden Bericht über die wochenlange Präokkupation von Schimpansenmännchen mit der Verbesserung ihrer Rangposition, behaupten kann, es gäbe bei dieser Tierart keine Geschlechtsunterschiede im Dominanzverhalten.“ (2002: 163)

Überhaupt erscheint Bischof-Köhler vor dem Hintergrund der für das Tierreich längst bewiesenen deutlichen Geschlechtsunterschiede „die These, die beiden Geschlechter seien allein beim Menschen, wie sonst nirgends in der Natur, mit völlig gleichen Verhaltensweisen ausgestattet, [...] nicht eben überzeugend.“ (ebd.: VIII)

Es ist nun nicht eben wissenschaftlich, die unüberschaubare Anzahl von Studien, die auf den verschiedensten Gebieten Unterschiede nahelegen, entweder einfach zu ignorieren oder als „Pseudotheorien“ pauschal zu verwerfen. Da sich die Genderforschung mit ihrer Bewertung der Naturwissenschaft als „Konstrukt“ gleich allgemein gegen jede Art von Studie oder Beweisführung aus dieser Richtung immunisiert hat, erscheint es nicht mehr möglich, ihr auf diesem Wege beizukommen. Zudem ist ein „Studien-Schlagabtausch“ wenig zielführend:

„Bücher über Geschlechtsunterschiede sind oft parteiisch geschrieben. Die Autoren picken sich aus der Fülle des vorliegenden Materials nur das heraus, was in ihren theoretischen Bezugsrahmen passt, oder sie lassen wesentliche Facetten aus, weil sie jenseits ihrer Disziplin liegen.“ (Bischof-Köhler 2002: 369)

Trotzdem sollen im Folgenden einige Befunde angesprochen werden, die mindestens nachdenklich machen sollten.

5. Exemplarische auffällige Unterschiede

Vorausgeschickt sei, dass hier angeführte Unterschiede zwischen Mann und Frau natürlich durch den Holzhammer „alles nur Sozialisation“ ad absurdum geführt werden können und noch keinen direkten Schluss auf angeborene Differenzen zulassen. Solche Unterschiede, für die das Sozialisations-Argument nicht mehr greift, sind dem nächsten Kapitel vorbehalten.

Scherzbolde haben zur Diskussion um Frauenquoten angemerkt, dass diese dann doch bitte auch den Anteil weiblicher Insassen in deutschen Gefängnissen betreffen sollte. Die verschiedenen Statistiken unterscheiden sich leicht voneinander, doch unter dem Strich ist die Größenordnung eindeutig (Zahlen aus verschiedenen Statistiken und Zeitungsartikeln gemittelt): Rund 80 % der Verurteilungen vor Strafgerichten entfallen auf Männer. Etwa 95 % der Gefängnisinsassen sind Männer, und ebenfalls über 90 % liegt der Anteil der Männer an Mord und schweren Gewalttaten. Auch der Anteil erfolgreich durchgeführter Suizide ist für Männer erhöht, wobei sie auch deutlich öfter zu harten Methoden greifen.

In der Biologie wird dies unter anderem mit dem höheren Testosteronspiegel von Männern in Verbindung gebracht. Auch zur Auswirkung des Östrogenspiegels auf das Verhalten liegen viele Untersuchungen vor. Diese offensichtlichen Einflüsse durch Hormone, die zwangsweise Verhaltensunterschiede hervorrufen, werden von der Genderforschung jedoch weitgehend ignoriert.

Eine volle Gleichstellung von Mann und Frau hätte bis zur Abschaffung der Wehrpflicht auch erfordert, diese genauso auf Frauen anzuwenden und Frauen im Kriegsfall einzuziehen. Warum ist Krieg seit Anbeginn der Menschheit eine Männerdomäne? Und kann es nur Sozialisation sein, dass offensichtlich der Bekriegungsdrang beim Mann stärker ausgeprägt ist, Männer auch der Jagd viel häufiger etwas abgewinnen können als Frauen? Aus vielen Disziplinen ergibt sich dieses Bild, wieder sei exemplarisch aus der Linguistik berichtet:

„Die Forschungen der letzten 15 Jahre (die zunächst v.a. in den USA, in letzter Zeit aber auch innerhalb der deutschsprachigen Linguistik intensiver betrieben worden sind) haben gezeigt, dass sich praktisch auf allen Ebenen der Sprache (im deutschsprachigen wie im englischsprachigen Bereich) zumindest tendenzielle Unterschiede in der Sprachverwendung von Männern und Frauen nachweisen lassen.“ (Linke et al. 2001: 319)

Auf diesem Gebiet wurden bekanntermaßen verschiedene Studien überinterpretiert und Ergebnisse zu wenig differenziert betrachtet, sodass manches heute eine berechtigte Relativiertung erfahren hat. Ohnehin muss klar sein, dass – dies ist sehr wohl ein Verdienst der Genderforschung – eine binäre Aufteilung in „männlich versus weiblich“ wenig realitätsgetreu ist, da hier natürlich verschiedene Grade auf einer Skala vorliegen und Einzelindividuen sogar die prototypischen Eigenschaften des anderen Geschlechts haben können. Es geht hier immer um den Durchschnitt und um Signifikanz in der Verteilung. Die Natur der Unterschiede in der Sprachverwendung lässt sich aber auf folgendes Paar herunterbrechen: Konsensorientierung vs. Konfliktorientierung. Dies zeigt sich zum Beispiel auch in Studien zu Humor und Lachverhalten (vgl. Linke et al. 2001: 322).

Das passt zum Stereotyp des „kriegerischen Mannes“. Was sind Stereotypen überhaupt? Sie entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern haben immer einen wahren Kern, der auf Erfahrungen mit Einzelvertretern basiert, dann aber auf die ganze Klasse übergeneralisiert wird. Stereotypen sagen auch nicht, dass es nicht Vertreter gibt, die dem genau widersprechen. Daraus entstand schließlich das paradox anmutende Sprichwort: „Ausnahmen bestätigen die Regel“. Stereotypen verweisen auf eine Tendenz. Und in ihnen liegt auch keine Determination – wer einem Stereotyp nicht entsprechen möchte, dem steht diese Entscheidung kraft seines freien Willens zu. Hier ist ausdrücklich zu betonen: „Es geht also gar nicht darum, dass das eine Geschlecht nicht Äquivalentes in den Bereichen, die eher dem anderen liegen, vollbringen könnte.“ (Bischof-Köhler 2002: 27) Die Frage ist nur, wie viel Aufwand es zum einen betreiben muss, um die gleiche Leistung zu bringen, und ob es überhaupt Interesse daran hat, in diesem Bereich tätig zu sein. Man denke an Bergarbeiter, Arbeiter in der Schwermetallindustrie, Maurer (über 99 Prozent Männeranteil).

Dass diese Anmerkung sehr berechtigt ist, zeigt das sogenannte Geschlechter-Paradoxon. Es besteht darin, dass entgegen aller Erwartungen des Feminismus „sich in freien Gesellschaften mit ausgeprägten Frauenrechten nicht weniger, sondern mehr Frauen für angeblich typische Frauenberufe entscheiden, soziale und kreative Berufe. Wenn Frauen die Wahl haben, tun sie eben nicht das Gleiche wie die Männer. [...] Über Individuen sagen solche Statistiken natürlich nichts aus, es kann auch hervorragende, glückliche Notarinnen geben und Physik- Nobelpreisträgerinnen.“ (Martenstein 2013: 3)

Ähnliches kam auch heraus, als das Konfliktverhalten von Mädchen und Jungen in freien Kindergärten untersucht wurde. Entgegen traditionellen Kindergärten, in denen die Kinder mit Geschlechtserwartungen aufgezogen werden, nahm nun zur Verblüffung der Forscher in diesem ideologisch neutralen Umfeld konfliktträchtiges und aggressives Verhalten unter Jungen noch zu, bei den Mädchen zugleich die auf Schlichtung gerichtete Konsenssuche.

Allerdings wird vermutlich schon der Einfluss der Geschlechtserwartung in traditionellen Kindergärten deutlich überschätzt (landläufige These: aggressives Verhalten unter Mädchen wird aufgrund des darin liegenden „Rollenverstoßes“ stärker sanktioniert):

„Smith und Green fanden in 15 Kindergärten in England keine geschlechts differenzierenden Unterschiede in der Weise wie Kindergärtnerinnen auf Aggression reagierten. Hyde und Schuck stellten fest, dass Buben dreimal öfter als Mädchen für aggressives Verhalten bestraft würden, dass sie aber auch dreimal so oft aggressiv seien. Im übrigen hätten Kindergärterinnen eher die Tendenz, Aggressionen bei Mädchen zu ignorieren.“ (Bischof-Köhler 2002: 306)

Um noch das besonders explosive Feld kognitiver Unterschiede kurz anzuschneiden – es ist bekannt, dass nach den ersten Durchführungen von IQ-Tests Aufgabentypen geändert werden mussten, um vergleichbare Ergebnisse zwischen Frauen und Männern erhalten zu können. Auch, wenn das Thema regelmäßig Empörung hervorruft, ändert das daran nichts:

„Der Gesamtbefund, dass Frauen im Durchschnitt über etwas bessere verbale Fähigkeiten verfügen, während Männer einen Vorsprung im räumlich-visuellen Vorstellungsvermögen sowie im quantitativ-mathematischen u n d analytischen Denken aufweisen, bestätigt sich auch in anderen Intelligenzprüfverfahren. Bei dieser Sachlage wirft die Konstruktion eines fairen, kein Geschlecht benachteiligenden Tests einige Probleme auf. Im IST wurde eigens die Aufgabe ,Merkfähigkeit‘ eingeführt, um Ungleichgewichte auszutarieren.“ (Bischof-Köhler 2002: 234 f.)

Die Empörung hängt aus meiner Sicht damit zusammen, dass die traditionell mit Männlichkeit assoziierten Fähigkeiten unbegründet höher geschätzt werden. Und Frauen messen sich daran. Überhaupt fällt es auf, dass auch und gerade in feministischen Texten die Frau sich immer unter Bezugnahme auf den Mann definiert, was gar nicht nötig wäre.

Interessant ist auch, dass sich erfahrungsgemäß beim Weiblichen ein stärkerer „Mutterinstinkt“ zeigt (Beschützung der Kinder, im Tierreich bis hin zur Aufopferung des eigenen Lebens), bei Männern hingegen ein stärkerer Beschützerinstinkt bezogen auf die Frau. Dabei halte ich es nicht für schlüssig, hier entwicklungsgeschichtlich zurückgreifend eine „jahrtausendelange Sozialisation“ anzuführen. Wenn die Genderforschung schon Hand in Hand mit dem radikalen Behaviorismus davon ausgeht, dass der Mensch als „tabula rasa“ geboren wird, dann kann nicht eine Sozialisationsgeschichte geltend gemacht werden, die vor die Geburt zurückreicht. Nur vom Geburtszeitpunkt ausgehend, lassen sich vorhandene Unterschiede aber oft nicht hinreichend begründen.

6. Nicht auf Sozialisation rückführbare Befunde

Es gibt im Wesentlichen drei Arten von Forschungsdesigns, mit denen das Sichverschanzen hinter der „Allmacht der Sozialisation“ (Bischof-Köhler 2002: 17) aufgebrochen werden kann.

a) Universalienforschung: Wenn Geschlechtsdifferenzen über alle Kulturen hinweg global zu beobachten sind, kann es sich schwerlich nur noch um ein Produkt der Sozialisation handeln (es sei denn, man geht von einem weltweit gleich ausgeprägten Patriarchat aus, was allerdings schon den Anstrich einer Verschwörungstheorie hätte). Hierfür möchte ich zwei Beispiele anführen, die durch sehr umfangreiche Studien dokumentiert sind.

Erstens: Der schon angeführte Kriminalitätsunterschied ist, wenn es um Mord geht, global gültig und sehr eindeutig – „Daly and Wilson listed 35 studies of homicides across cultures and historical times, ranging from 10 individuals to over 10.000. In all but one, both victim and killer were male in over 91 per cent of cases.“ (Archer/Lloyd 2002: 111)

Zweitens: Es gibt geschlechtsspezifische Präferenzen in der Partnerwahl, die weltweit übereinstimmend ausfallen. Eine Studie (Buss 1989) in 37 Kulturen auf allen Kontinenten und fünf Inseln, die 10.000 Teilnehmer unterschiedlichen Alters berücksichtigt hat, kommt zu dem deutlichen Fazit: „Females value the financial capacity of potential mates more than males do. Ambition and industriousness, cues to resource acquisition, also tend to be valued more heavily by females than by males across cultures. [...] Males value physical attractiveness and relative youth in potential mates more than do females – sex differences that show remarkable generality across cultures.“ (Buss 1989: 12)

b) Primatenforschung: Um soziale und kognitive Einflüsse auszuschließen, eignen sich Studien mit Primaten (vgl. Alexander/Hines 2002: 469). Zunächst stellt sich die methodische Frage, ob Erkenntnisse aus Studien mit Tieren auf den Menschen übertragbar sind. Hier spielt eine im Grunde metaphysische Fragestellung mit hinein, ob nämlich der Mensch auch nur ein Tier ist oder sich vom Tier essentiell unterscheidet. Die heutige Wissenschaft rechnet den Menschen zu den Primaten, weshalb eine Übertragung von Ergebnissen zumindest aus ihrer Sicht nicht all zu weit hergeholt sein dürfte. Hilfreich sind hier jedenfalls Studien, die genauso für Menschenkinder vorliegen, wie bei den gleich angesprochenen Untersuchungen zu Spielzeugpräferenzen der Fall.

Allgemeine Unterschiede im Verhalten zwischen Männchen und Weibchen sind für eine Reihe von Spezies hinreichend belegt; auch hat sich gezeigt, dass Gaben von Sexualhormonen das Verhalten beeinflussen:

„In rats and rhesus monkeys, genetic females treated with androgen during critical periots of pre- or neo-natal development show increased ‚rough-and-tumble‘ (male typical) play, assumedly because androgen directs basic processes of neural development in relevant brain regions.“ (Alexander/Hines 2002: 468; Verweise auf stützende Studien der Lesbarkeit halber nicht mitzitiert)

Der gleiche Effekt wurde auch beim Menschen beobachtet:

„In particular, androgenized girls show increased preferences for male playmates and toys typically preferred by boys and a reduced interest in activities and toys typically preferred by girls.“ (ebd., stützende Literaturverweise wieder weggelassen).

Spielzeugpräferenzen gelten in Kreisen der Gender Studies als Paradebeispiel dafür, wie Kinder von Erziehern in Geschlechtsrollen gedrängt werden. Wenn solche Präferenzen im Spielverhalten aber auch bei Tieren feststellbar sind, verliert das Argument an Schlagkraft. In einer Studie aus dem Jahr 2002 wurde 44 weiblichen und 44 männlichen grünen Meerkatzen (eine Primatengattung) in Versuchsreihen eine Auswahl an Spielzeug vorgelegt, das vorab als „männlich“, „weiblich“ oder „neutral“ typologisiert worden war. Das kontrovers diskutierte Ergebnis war:

„[V]ervet monkeys (Cercopithecus aethiops sabaeus) show sex differences in toy preferences similar to those documented previously in children. The percent of contact time with toys typically preferred by boys (a car and a ball) was greater in male vervets than in female vervets, whereas the percent of contact time with toys typically preferred by girls (a doll and a pot) was greater in female vervets than in male vervets.“ (Alexander/Hines 2002: 467; statistische Daten nicht mitzitiert)

Die Präferenz der Weibchen für einen Topf erscheint zunächst unerklärbar. Sie wird aber nahegelegt dadurch, dass in der Studie die weiblichen Gegenstände – ungeschickterweise? – in der Farbe rot gehalten waren. Es ist nämlich hinreichend dokumentiert:

„The visual system, like many other sensory systems, shows sex differences in structure and function. For example, females prefer ,reddish‘ colors, whereas males prefer hues that are less reddish (Hurlbert and Ling, 2007). (Williams/Pleil 2008: 357)

Unterschiede in der Spielzeugpräferenz dokumentiert auch die Studie von Hassett et al. 2008 an Rhesusaffen, wobei hier neben der deutlichen Bevorzugung typischen Spielzeugs durch Männchen eine größere Bandbreite bei den Weibchen festgestellt wurde. Inzwischen liegen jedenfalls definitiv „repeated demonstrations of sex differences in toy choice that are difficult to explain bei socialization alone (e. g. Alexander, 2003; Nordenström et al., 2002; Meyer-Balhberg et al., 2004; Pasterski et al., 2005; Serbin et al., 2001)“ (Williams/Pleil 2008: 355) vor.

Auch die oft diskutierten Unterschiede im Navigations- und Erinnerungsverhalten von Männern und Frauen sind durch Tierstudien gestützt:

„Female rats are not disrupted in performance if either landmark (e. g., the computer, experimenter, cart with cages) o r geometry (e. g., the rectangular room shape) is removed or obscured. However, males are completely reliant on room geometry; their performance is severely disrupted if the room shape is obscured, even if large salient landmarks in the room remain to guide navigation.“ (Williams/Pleil 2008: 356)

Zuletzt sind geschlechtsspezifische Unterschiede im Jagdverhalten und in der Nahrungsbeschaffung allgemein vielfach beobachtet worden: „Sex-differentiation in foraging patterns is well documented for some monkey species [...].“ (Melin et al. 2010: 300) So wurde zum Beispiel in der Beobachtung von Kapuzineraffen offenkundig: „Males spent more time foraging for invertebrates on the ground [...]“ (ebd.), was letztlich mit darauf zurückzuführen ist, dass schon das Sehvermögen beider Geschlechter sich unterscheidet.

c) Säuglingsforschung: Sehr vielversprechend sind Studien zu Geschlechtsunterschieden an Neugeborenen, die noch kein Gender-Konzept internalisiert haben können:

„There are indeed several patterns in the infancy literature suggesting that the skeletal structure of sex differences in social and play activities is evident in the first year or two of life and in some cases in the first few days of life.“ (Geary 1998: 218, unter Verweis auf zwölf Studien)

Spielzeug- und Aktivitätenpräferenzen sind bereits für Einjährige belegt, und „[d]iese Entwicklung ist unabhängig vom Familientyp, sie zeigt sich ebenso bei Kindern aus Avantgarde- wie aus traditionellen Familien.“ (Bischof-Köhler 2002: 80) Auch die Art des Umgangs mit Spielzeug sowie die Risikobereitschaft sind in diesem Alter bereits beobachtbar verschieden (vgl. ebd.: 290). Die Unfallrate ist für Jungen generell erhöht (Bsp: Tod durch Ertrinken beim Spielen viermal häufiger als Mädchen, vgl. ebd.: 297).

Doch die Unterschiede setzen schon vorher an, und hier wird es besonders interessant. So haben verschiedene Studien gezeigt, dass Jungen in den ersten Lebenswochen „unausgeglichener und schwieriger zu beruhigen [sind] als die Mädchen, sie schliefen auch weniger. [...] Jungen haben die Tendenz, rascher und länger zu schreien als Mädchen“ (Bischof-Köhler 2002: 98).

Die Frauen oft zugesprochene Stärke, wenn es um Beziehungen und das Kontaktknüpfen geht, findet sich in Studien mit Neugeborenen zu Blickkontakten bestätigt:

„Bereits von den ersten Lebenstagen an lassen Mädchen sich leichter vom Anblick eines Gesichts gefangennehmen und drehen häufiger den Kopf in die Richtung einer menschlichen Stimme. Sie suchen öfter als Jungen Blickkontakt und halten diesen länger aufrecht […].“ (ebd.: 99)

Auch im Interesse zeigen sich so früh unterschiedliche Tendenzen, dass dies wohl kaum auf Sozialisation zuürckgeführt werden kann:

„Interest in object motion is apparent very early in development of males; infant boys show a looking preference for mechanical motion over biological motion, while infant girls show the opposite pattern (Lutchmaya and Baron-Cohen, 2002).“ (Williams/Pleil 2008: 356)

Nach einer ganzen Armada ausgewerteter Studien kommt David Geary resümierend zu dem Schluss: „In all, the pattern of sex differences in infancy suggest that girls and boys orient, process and react to certain social and physical cues differently.“ (1998: 221)

7. Abschließende Gedanken

Es ist richtig, dass aus vorhandenen Unterschieden zwischen den Geschlechtern keine soziale Aufspaltung in geschlechtsspezifische Klassen gefolgert werden darf. Auch stimmt etwas nicht, wenn Jungen oder Mädchen bestimmte Berufe meiden, nur weil sie einem Rollenstereotyp folgen wollen oder sollen. Hier muss allein die eigene Neigung ausschlaggebend sein – die aber, wie das Geschlechts-Paradoxon zeigt, von sich aus schon zur Bevorzugung bestimmter Tätigkeitsbereiche durch Männer und Frauen führen kann. Ebenso ist es ein folgenschwerer Irrtum, wenn gemeint wird, die Hauptaufgabe einer Frau sei aufgrund ihrer biologischen Anlagen Mutterschaft (wieder ein naturalistischer Fehlschluss).

Es entbehrt allerdings nicht einer gewissen Tragikomik, dass der Mensch sich über sein eigenes Wesen so wenig im klaren ist, dass über eine so grundsätzliche Frage überhaupt gestritten werden muss. Letztlich kann aber die Frage, ob ein Wesensunterschied zwischen Mann und Frau besteht, für den Einzelnen nicht über wissenschaftliche Studien geklärt werden.

Überzeugung kann grundsätzlich nur aus eigenem Erleben entstehen – alles andere ist zuletzt doch nicht zu eigen gemacht. Es läuft also darauf hinaus, dass jeder selbst spüren muss, ob er als Vertreter des weiblichen oder männlichen Geschlechts sich vom durchschnittlichen Vertreter des jeweils anderen Geschlechts unterscheidet oder nicht. Im Empfinden, im Denken und im Verhalten, letztlich in der Art. Ich schließe mich hier Harald Martensteins Position an: „Beide Geschlechter haben Stärken und Schwächen, die sich ergänzen, und ganz sicher ist keines ,besser‘ als das andere.“

 

Literatur

(1) Alexander, Gerianne und Hines, Melissa (2002): Sex differences in response to childrens toys in nonhuman primates (Cercopithecus aethiops sabaeus). In: Evolution and Human Behavior 23/2002, S. 467–479.

(2) Archer, John und Lloyd, Barbara (2002): Sex and gender. Cambridge: University Press.

(3) Asendorpf, Jens und Wenderlein, Matthias (2009): Darf man mit IQ-Tests Ethnien oder Geschlechter vergleichen?, Gehirn und Geist 5/2009, S. 14–17.

(4) Bischof-Köhler, Doris (2002): Von Natur aus anders. Die Psychologie der Geschlechtsunterschiede. Stuttgart: Kohlhammer (inzwischen 3. Auflage: 2011).

(5) Buss, David M. (1989): Sex differences in human mate preferences: Evolutionary hypothesis tested in 37 cultures. In: Behavioral and Brain Sciences Vol. 12, S. 1–49

(6) Cameron, Deborah (2014): Gender and Language Ideologies. In: Ehrlich, Susan et al. (eds.): The Handbook of language, gender, and sexuality. 2. Auflage. Chichester: Wiley Blackwell, S. 281–296.

(7) Geary, David C. (1998): Male, female. The evolution of human sex differences. Washington: American Psychological Association.

(8) Hassett, Janice M. et al. (2008): Sex differences in rhesus monkey toy preferences parallel those of children. In: Hormones and Behaviour Vol. 54, 3/2008, S. 359–364.

(9) Linke, Angelika et al. (2001): Studienbuch Linguistik. 4., unveränderte Auflage. Tübingen: Niemeyer.

(10) Löffler, Winfried (2008): Einführung in die Logik. Stuttgart: Kohlhammer.

(11) Martenstein, Harald (2013): Schlecht, schlechter, Geschlecht. In: ZEIT-Magazin 24/2013.

(12) Melin, Amanda D. et al. (2010): Can color vision variation explain sex differences in invertebrate foraging by capuchin monkeys? In: Current Zoology Vol. 56, 3/2010, S. 300–312.

(13) Rothblatt, Martine (2015): My daughter, my wife, our robot, and the quest for immortality. TED-Talk.

(14) Rübenach, Stefan: (2007) Todesursache Suizid. In: Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Wirtschaft und Statistik. Wiesbaden, S. 960–971.

(15) Williams, Christina L. und Pleil, Kristen E. (2008): Toy story: Why do monkey and human males prefer trucks? Comment on „Sex differences in rhesus monkey toy preferences parallel those of children“ by Hassett, Siebert and Wallen. In: Hormones and Behaviour Vol. 54, 3/2008, S. 355–358.

 

 

Siegwalt Lindenfelser, 14. Mai 2015;

überarbeitet am 26. Juni 2015

 
   
 
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