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  Kriegsvokabular im Sprachalltag
 

Kriegsvokabular im Sprachalltag

– Der Beitrag erschien in Ausgabe 71 (Juli/August 2012) der Zeitschrift »GralsWelt« –

Haben Sie heute auch schon jemand auf die Folter gespannt? Oder gehören Sie eher zum Kreise derer, die sich ab und an ein Bein ausreißen? Wenn ja, dann hoffentlich nur sprichwörtlich!

Wenn die letzte Gehaltsabrechnung wieder ein Schlag ins Gesicht (oder ins Genick) war, ich zwar nicht gefeuert wurde, aber doch wieder viel zuwenig gekriegt habe, deutet sich bereits an, wie weit Kriege und zunehmende Gewalt in unseren Sprachalltag durchgesickert sind. Anders betrachtet: wie treffend Sprache die Wirklichkeit widerspiegelt und wieviel sie einem scharfen Beobachter über mein Inneres mitzuteilen vermag.

Roswitha Defersdorf, Leiterin des „Lingva Eterna-Instituts für Pädagogik und Bewußte Sprache“, äußert sich in ihrem Buch „In der Sprache liegt die Kraft“ auch zum Thema Gewalt in der Alltagssprache:

„Bei genauerem Hinhören können so manche Bemerkungen den Hörenden zum Schaudern bringen: Da würgt jemand seinen Gesprächspartner mit freundlicher Stimme am Telefon ab, Eltern hauen am Morgen ihre Kinder aus dem Bett, wieder jemand anderes könnte seinem Kollegen eins reinwürgen, in Firmen müssen manchmal Köpfe rollen, im Büro herrscht bei manchen Menschen der Terror, nur weil das Telefon wiederholt klingelt und Kunden anrufen.“ (S. 186 f.)

In ihrer langjährigen Beratungstätigkeit hat die Autorin festgestellt, daß gerade in unserer Wortwahl oder in häufigen Redewendungen, deren wir uns vielleicht gar nicht bewußt bedienen, zentrale Lebensthemen, die uns gerade zu schaffen machen, buchstäblich zur Sprache kommen. Das Gute dabei: Über die bewußte Abänderung fragwürdiger Sprachgewohnheiten kann es gelingen, zugleich viel tieferliegende seelische Probleme zu bewältigen. Aufbauend auf dieser Erkenntnis entwickelte Roswitha Defersdorf ein Sprachtrainingskonzept, das die Wirkung der Sprache bewußt nutzt, indem über den Abbau von Sprachmustern ein Abbau von Denk- und Verhaltensmustern angestrebt wird.

Klingt das nicht gut? Um mit einer bewußten Aufwertung meiner Sprache sogleich zu beginnen, muß ich mich nur noch in einem ersten Schritt dafür sensibilisieren, wo meine Wortwahl bedenklich sein könnte, was einer Änderung bedarf. Gewalt ist dabei nur ein Aspekt von vielen auf einem Gebiet, das so weit reicht, daß sich sogar Anfälligkeiten für bestimmte Krankheiten aus dem individuellen Sprachgebrauch ablesen lassen. Ein Klassiker ist dabei der chronisch Halskranke, der bei bestimmten Themen regelmäßig „so einen (dicken) Hals bekommt“. Besorgniserregend ist nun nicht die Tatsache, daß er seine Neigung zu Halskrankheiten kundgibt, worin vielmehr eine Erkenntnishilfe gesehen werden kann. Besorgniserregend ist, daß er, der Wirkung von Sprache geschuldet, sein Leiden durch das ständige Davon-Sprechen begünstigt und verfestigt.

Was kriegerische Wortverbindungen betrifft, erscheint die Preisoffensive des Möbelmarktes plötzlich in einem anderen Licht, und wenn der Präsidentschaftskandidat in einem Fernsehduell im Rahmen des diesjährigen Wahlkampfes Stellung bezieht, ist das Schlachtfeld in greifbare Nähe gerückt. Im Umgang mit den Nachrichten empfiehlt es sich ohnehin, gerüstet zu sein, damit einen die nächste Blitzmeldung nicht umhaut, wenn sie wie eine Bombe einschlägt.

Das bekannte Reisexperiment des japanischen Forschers Masaru Emoto, der durch seine Wasserkristallfotografien bekannt wurde (siehe GralsWelt Heft 22/2002), läßt sich auch gut zu Hause ausprobieren und demonstriert eindrucksvoll die Wirkung von gesprochenem und geschriebenem Wort, wenn eine Reisportion allein durch destruktive Worte schlecht wird, während der Fäulnisprozeß des mit aufbauenden Worten bedachten Teils deutlich verzögert einsetzt. Auch daraus wird deutlich, welche Macht in der Sprache liegt, die demnach nicht nur auf uns selbst zurückwirkt, sondern sogar unsere Umgebung zu beeinflussen vermag. Oder mit den Worten von Roswitha Defersdorf: „Sprache schafft Wirklichkeit. Sprache kann auch Wirklichkeit wandeln. […] So kann jeder Mensch allein durch seinen Sprachgebrauch einen Beitrag für eine friedliche Entwicklung erbringen.“ (S. 187)

Eine auffällige Häufung militärischer Vokabeln zeigt sich im Bereich sportlicher Moderation und Berichterstattung. Fußball beispielsweise ist ohne dieses grundlegende Begriffsinventar kaum zu beschreiben:

Da stürmt der Spieler über die Flanke, erzielt einen strategisch wichtigen Raumgewinn, wartet, bis die Verteidigung aus seiner Schußlinie ist, und schafft es schließlich, das gegnerische Tor ins Visier zu nehmen. Dann der Schuß – Volltreffer! Dank ihrer überragenden Taktik ist es der Truppe gelungen, die gegnerische Mannschaft vernichtend zu schlagen (respektive sie platt zu machen).

Es wäre sicher über das Ziel hinausgeschossen, in einem Fall wie diesem krampfhaft nach alternativen Formulierungen zu suchen oder gar einen Kreuzzug gegen bestimmte Wortverbindungen führen zu wollen, womöglich in der Absicht, den deutschen Wortschatz zu dezimieren. Die Vielfalt an Ausdrucksmöglichkeiten, die unsere Sprache bietet, ist schließlich nicht zuletzt auf ihre Bildhaftigkeit zurückzuführen und stellt ein wertvolles Gut dar. Es wäre deshalb auch mit Kanonen auf Spatzen geschossen, wollte man nun im Eifer des Gefechts der Sportberichterstattung oder dem Gesprächspartner einen Strick daraus drehen, daß sie oder er sich einer metaphorischen Sprache bedient und dabei zwangsläufig Worte verwendet, die sich auch anders interpretieren ließen.

Aber zumindest die Mordsgaudi an Fasching (Karneval) gerät in unsere Schußlinie, und Sprachnutzer müssen ab sofort schon schweres Geschütz auffahren, damit uns nicht schlagartig durch den Kopf schießt, daß eine Formulierung gerade weniger gelungen war – bombensicher.

„Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte.“ Ein unbekannter Weiser hat diese Worte gesprochen, und er hängte einen Satz daran, der für dieses Thema von noch größerer Bedeutung ist: „Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen.“

Das Drängen des Wortes zur Tat, zur Erfüllung, zeigt sich besonders eindrucksvoll in der berühmten Bibelstelle „Im Anfang war das Wort …“ (Joh. 1, 1), und auch Abd-ru-shin schreibt in seinem Werk „Im Lichte der Wahrheit“: „es liegt auslösende Veranlagung in jedem Wort …“ (Vortrag: Das Menschenwort). Wie gut, daß diese auslösende Veranlagung genauso in schönen, aufbauenden Worten liegt!

 

Literatur:

– Defersdorf, Roswitha, In der Sprache liegt die Kraft. Klar reden, besser leben!, Herder, Freiburg im Breisgau 2008 (2. Auflage 2009)
Harms Lisa-Malin, Metaphern im Sprachenkontrast. Kriegsmetaphorik in der politischen Berichterstattung deutscher und französischer Tageszeitungen. (Uni Bochum, 2008)
Kittler Dennis, Vorsicht! Hier wird scharf geschossen. (In: Lingua et Opinio, 2004)

 
   
 
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