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  Partnerschaft: Ähnlichkeit und Ergänzung
 

Gesellt nur gleich und gleich sich gern?

– Der Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 73 (November/Dezember 2012) der Zeitschrift »GralsWelt«

Ähnlichkeit und Ergänzung in der Partnerschaft: Neuere Studien zu diesem Thema erbrachten bemerkenswerte Ergebnisse. Aber worauf kommt es für eine langfristige, erfüllte Partnerschaft wirklich an?

Friedrich Nietzsche schlug als Mittel zur Identifizierung eines potentiell geeigneten Partners – zumindest für Männer – folgenden Schnelltest vor: „Man soll sich beim Eingehen einer Ehe die Frage vorlegen: Glaubst du, dich mit dieser Frau bis ins Alter hinein gut zu unterhalten?“ (1)

Und Thomas von Aquin formulierte: „Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichem wahrzunehmen.“ (2)

Wie verschieden dürfen – oder sollen – zwei Liebende sein, damit eine langfristige erfüllte Partnerschaft möglich ist? Gesellt sich hier gemeinhin eher gleich zu gleich, oder ziehen doch die Gegensätze einander an?

Grundsätzlich ist Ähnlichkeit in einer Partnerschaft zweifellos ein wichtiges Element. Es läßt sich zum Beispiel feststellen, daß sich bei Paaren nach jahrzehntelangem Zusammensein oftmals ein mehr oder minder starkes Einander-ähnlicher-Werden ausprägt – und zwar auch äußerlich: „Um herauszufinden, warum das so ist, unternahm der Psychologe Robert Zajonc von der University Michigan ein Experiment, für das er über die Jahre entstandene Fotos zahlreicher Paare auswertete […] Dabei konnte er nachweisen, daß sich das Aussehen zweier Partner nach einer stolzen Beziehungsdauer von 25 Jahren tatsächlich nachweislich einander annähert. Und es gab eine weitere interessante Korrelation: Bei Paaren, die angaben, besonders glücklich miteinander zu sein, war eine Ähnlichkeit noch häufiger!“ (3)

Ähnlichkeit worin?

Der Schlüssel zur Beantwortung der eingangs gestellten Frage, ob Gleicharten oder Verschiedenartigkeiten für eine langfristige, erfüllte Partnerschaft von Vorteil sind, liegt meines Erachtens in einer genaueren Aufgliederung der Ähnlichkeit. Auf welcher Ebene soll von Ähnlichkeit gesprochen werden? Bezüglich des Charakters? Der Wertvorstellungen? Der Interessen?

In einer Studie der LMU München (4), an der 440 Personen teilnahmen, gaben bei der Frage nach den wichtigsten Kriterien einer erfolgreichen Partnerschaft 86,5 Prozent der Männer und 93,0 Prozent der Frauen „gemeinsame Werte/Einstellungen“ an, und immerhin noch 63,9 Prozent der Männer und 65,9 Prozent der Frauen „gemeinsame Interessen/Hobbys“. Bezeichnenderweise nimmt der Wunsch nach Gemeinsamkeit in den Angaben zur Frage nach Präferenzen bei kurzfristigen sexuellen Beziehungen einen weitaus geringeren Stellenwert ein.

Die anschließende Befragung von Paaren in derselben Studie zeigt, daß gemeinsame Wertvorstellungen tatsächlich einen hochrelevanten Faktor darstellen: „Bei Treue, Toleranz, Vertrauen, Ehrlichkeit und Respekt gaben mehr als zwei Drittel der Befragten an, daß sich ihre Wertvorstellungen mit denen des Partners deckten.“

Was fördert das Trennungsrisiko?

Interessant ist das Ergebnis der Studie zu Umständen, die das Trennungsrisiko in Partnerschaften signifikant verändern und damit eine erfüllte, langzeitige Partnerschaft gefährden oder begünstigen: „Das Risiko einer Trennung steigt bei großen Bildungsunterschieden zwischen den Partnern. Es sinkt jedoch bei einer arbeitsteiligen Haushaltsstruktur, übereinstimmenden Wertvorstellungen und erfüllten Erwartungen.“

Geschlechterliebe als Ersatzreligion

Nicht erfüllte, weil zu hoch gesteckte Erwartungen stellen heute in vielen Beziehungen ein Problem dar. Dies läßt sich mit einer Entwicklung in Zusammenhang bringen, die der Geschlechterliebe zunehmend den Status einer Ersatzreligion einräumt und nicht selten Lebensglück wie Zufriedenheit allein über die Nähe des eigenen Beziehungslebens zu einem imaginären Idealzustand definiert: „Liebe soll also heute leisten, was früher eher im Religiösen gesucht wurde: Erfüllung, Erhöhung, rauschhafte Intimität. Deshalb sprechen Sozialforscher auch von einer ,säkularen Liebes-Religion'.“ (5)

Persönlichkeit und Lebenserfahrung

Doch zurück zur Ausgangsfrage nach dem Stellenwert der Ähnlichkeit in langfristigen Beziehungen. Ein P.M.-Artikel (6), der sich auf weitere Studien stützt, unterstreicht die Bedeutsamkeit von Übereinstimmungen im Wesen der Partner:

„Ähnlichkeiten in Persönlichkeit und Lebenserfahrung sind tatsächlich die wichtigsten Voraussetzungen für das Gelingen einer Liebesbeziehung, was zunächst anziehend wirke, erweist sich dagegen selten als Garant für eine glückliche Beziehung. Dies schreiben Eva Klohnen und Kollegen von der University of Iowa im ,Journal of Personality and Social Psychology'. […] Über Jahre hinweg spielten Ähnlichkeiten in den Persönlichkeiten […] die entscheidende Rolle: Das Verhalten bei Gewissensfragen und die Einstellung zu Umwelt, Familie und Kindern müßten übereinstimmen. Ähnliche Vorstellungen von dem, was man für erstrebenswert hält, sei das Fundament für eine lange, harmonische Beziehung und dafür, daß die Liebe nicht an unterschiedlichen Herangehensweisen bei der täglichen Problemlösung oder der langfristigen Planung zerbricht, fand das Forscherteam in einer Studie heraus.“

Ähnlichkeit bestimmt die Partnerwahl

Verblüffend erscheint das Ergebnis verschiedener Untersuchungen, die zeigen, wie sich die Ähnlichkeit zwischen Liebenden sogar auf körperlicher Ebene manifestiert und optische Übereinstimmungen die Partnerwahl von vornherein beeinflussen. So heißt es in einem „Sciencegarden“-Artikel (7): „Tatsächlich gibt es ernstzunehmende Indizien dafür, daß die Ähnlichkeit von Gesichtern ein Kriterium bei der Partnerwahl ist. Zeigt man beispielsweise Versuchspersonen einzelne Fotos von Menschen, die im Leben ein Paar sind, und bittet sie, zuzuordnen, wer zu wem gehört, dann liegt ihre Trefferquote deutlich über der Ratewahrscheinlichkeit.“

Besonders erstaunt die Beschreibung eines Experiments des britischen Psychologen David Parrett: „Er fotografierte Porträts von Versuchspersonen und verwandelte mit einer speziellen Computersoftware männliche Gesichter in weibliche und umgekehrt. Anschließend legte er seinen Probanden eine Reihe Bilder des anderen Geschlechts vor und ließ deren Attraktivität beurteilen. Unter diesen Gesichtern befand sich auch eines mit ihrem eigenen Konterfei, das jedoch dank der Manipulationen am PC männlicher oder weiblicher aussah.

Das Resultat: Viele Betrachter fanden den andersgeschlechtlichen Gegenpart ihres eigenen Abbilds außerordentlich attraktiv. Sie erkannten sich zwar nicht bewußt wieder, fühlten sich aber irgendwie angesprochen.“

Entscheidend sind Ähnlichkeiten bei inneren Werten

Großangelegte Studien zeigen dementsprechend auch, daß „zwei Partner oft ähnlich attraktiv sind“ („Attraktivitäts-Matching“). Dessen ungeachtet kommt der Sciencegarden-Artikel jedoch zum gleichen Ergebnis wie die anderen bereits zitierten Studien:

„Und was sagt die Ähnlichkeit im Aussehen oder der Attraktivität über das Gelingen einer Partnerschaft aus? Eigentlich gar nichts. Viel wichtiger als das Äußere sind die vielzitierten ,inneren Werte' – auch dort gesellt gleich und gleich sich gern: Gleiche Interessen und Hobbys, vergleichbare Einstellungen, Werte und Weltanschauungen, Übereinstimmungen in Herkunft, Kultur, Religiosität, Bildung, Intelligenz, Lebensstil und Lebensziel.“

Ich denke, daß hierbei die Übereinstimmung von Interessen und Hobbys nicht überbewertet werden sollte, da gerade in diesem Bereich unterschiedliche Ausrichtungen zu einem erhöhten Maß an Vielseitigkeit und neuen Perspektiven führen können. In diese Richtung weist auch ein Zwischenfazit des zitierten P.M.-Artikels: In erster Linie gehe es um tieferliegende Gemeinsamkeiten; Ähnlichkeit sei nicht gleich Ähnlichkeit:

„Die Ähnlichkeiten, die zu Beginn einer Beziehung vielleicht die Funken sprühen lassen, sind ganz andere als jene, die auf Dauer für Glück und Zufriedenheit sorgen. Anfangs sind es vielleicht ähnliches Temperament und Interessen, später dann die grundsätzlichen Wertvorstellungen bis hin zur Religion, die verbinden. Ohne entscheidende Übereinstimmungen im Charakter hat die Liebe auf Dauer keine Chance.“

Entscheidend sind ergänzende Eigenschaften

Wenn hier auch von „entscheidenden Übereinstimmungen im Charakter“ die Rede ist, so sollte das aber nicht derart interpretiert werden, daß Partner möglichst gleiche Charaktereigenschaften haben sollten. Im Gegenteil, dies hätte die Gefahr einer wechselseitigen Bestätigung und Bestärkung auch bezüglich Schwächen und Extremen zur Folge. Es würde das essentiell wichtige ausgleichende Moment fehlen und die Ergänzung der dem anderen jeweils (noch) mangelnden Eigenschaften.

Doch selbst nach diesem notwendigen Ausgleich halten wir bei der Partnersuche offenbar instinktiv Ausschau: „So wählen wir zwar Menschen, die ähnliche Eigenschaften aufweisen, aber nur, solange es solche sind, die uns an uns selbst gefallen. Wenn es sich dabei aber um als persönlich empfundene Schwächen handelt, ist es durchaus so, daß man sich das passende Gegenstück sucht. Ein eher introvertierter Mensch, der gern offener wäre, sucht demnach nach einem extrovertierten Partner, der ihn [sic!] seinem Idealbild ein Stück weit näher bringt.“ (8)

Auch Abd-ru-shin weist in seinem Werk „Im Lichte der Wahrheit – Gralsbotschaft“ darauf hin, „daß schon bei Eintritt in das irdische Leben ein jeder Mensch bestimmte Eigenschaften mitbringt, deren harmonische Entwicklung nur Menschen mit den dazu passenden Eigenschaften bewirken können. Dazu passende Eigenschaften sind aber nicht die gleichen, sondern solche, die ergänzen und durch diese Ergänzung vollwertig machen.

In der Vollwertigkeit aber erklingen alle Saiten in einem harmonischen Akkord. Wird nun der eine Teil durch den anderen vollwertig gemacht, so wird auch dieser andere dazukommende Teil durch den zweiten ebenso vollwertig, und in dem Zusammenschluß beider, also in dem Zusammenleben und Wirken, wird dieser harmonische Akkord erklingen. So ist die Ehe, die im Himmel geschlossen ist.“ (9)
 

Literatur:

1 Friedrich Nietzsche: Menschliches, Allzumenschliches, Bd. I
2 Zitiert nach Knischek, Stefan: Lebensweisheiten berühmter Philosophen
3 N. N.: Einander angenähert. Auf: fem.com
4
Bauer, Johannes und Ganser, Christian (2006): Münchner Studie zu Partnerwahl und Partnerschaft. Webversion: http://www.ls4.soziologie.uni-muenchen.de/downloads/partnerstudie.pdf [16.06.2012]
5 Horx, Matthias: »Aufrüstung« der Geschlechter: Die Zukunft der Liebe. Aus P.M.: Gesellschaft im Wandel
6
N. N.: Ist Liebe Schicksal? Aus P. M.: Fragen & Antworten
7 Gründl, Martin (2004): Liebe auf den ersten Blick. In: Sciencegarden
8 N. N.: Beziehungsirrtümer. Auf: hilfreich.de
9 Abd-ru-shin: Im Lichte der Wahrheit, Bd. II, Vortrag »Die Ehe«

 


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