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  Sprachgeschichte: Abwertung weiblicher Bezeichnungen
 

Die kleine süße Dirne und das hehre Weib

– Über die systematische Abwertung weiblicher Bezeichnungen in unserer Sprache –


Der Beitrag erschien in Ausgabe Nr. 79 (November/Dezember 2013) der »GralsWelt – Zeitschrift für ganzheitliches Denken und fördernde Lebensweg«
.



Ein Blick in die deutsche Sprachgeschichte zeigt eine bemerkenswerte Tendenz: Während die Bedeutung von Männerbezeichnungen über die Jahrhunderte hinweg in etwa konstant blieb, haben sämtliche Frauenbezeichnungen eine systematische Abwertung erfahren, die auch heute noch in vollem Gange ist. Wie weitreichend ist diese Entwicklung, und wie kann sie erklärt werden?
 

Von neutral zu abwertend: das Weib

Durch den mittelalterlichen Minnesang zieht sich die Formel vom saelic wîp, dem gesegneten, zu ehrenden Weib, und einer der ersten althochdeutschen Dichter, Otfried von Weißenburg, tituliert im 9. Jahrhundert Maria Magdalena mit wîb (1). Dieser aufwertende Beiklang kann, je nach Kontext, dem Begriff Weiblichkeit auch heute noch anhaften. Für das Mittelhochdeutsche (etwa 1050–1350) ist, passend dazu, das Substantiv unwîp belegt, das eine Frau bezeichnet, „die den Namen wîp nicht verdient“ (2). Ansonsten war Weib im Althochdeutschen (etwa 750–1050) und Mittelhochdeutschen vorrangig eine neutrale Bezeichnung, das Pendant zu Mann, das für lateinisch femina gesetzt wurde und so wertungsfrei war wie das heutige Adjektiv weiblich.

Eine erste Abwertung deutet sich an in Verbindungen wie althochdeutsch kebiswîb (Kebsweib) und wird im folgenden Beispiel besonders deutlich: Während der holzman einen Zimmermann bezeichnet, meint das holzwîb eine Waldfrau, also eine Hexe. Durch die immer weiter verbreitete Rede von der frouwe (Frau) beschränkt sich der Gebrauch von wîp schließlich zunehmend auf niedere soziale Schichten, bevor die Bezeichnung Weib in heutiger Zeit dann nahezu ausschließlich „als verächtliche Bezeichnung für bestimmte, oft primitive oder unsympathische Frauen“ (Wikipedia: Weib) verwendet wird. Besonders dazu bei trägt auch die Tatsache, daß das Wort Weib fast nur noch in abwertenden Wortverbindungen oder umgangssprachlich im unpersönlichen Plural verwendet wird. Sein Gehalt gilt heute offenbar als derart beleidigend, daß es nicht einmal in alten Texten stehenbleiben darf: So wurde es in der Neubearbeitung der maßgeblichen Koranübersetzung von Max Henning vollständig und in der aktuellen Lutherbibel, herausgegeben von der Deutschen Bibelgesellschaft, „weitgehend“ durch die Bezeichnung Frau ersetzt.


Von gehoben zu neutral: die Frau

Für die althochdeutsche frouwa lassen sich zwei Bedeutungsstränge angeben: Sie ist zum einen die Herrin und Gebieterin als weibliche Entsprechung zu frô (3), der Herr (heute nur noch in Frondienst), und gibt damit die lateinischen Worte domina und hera wieder. Zum anderen ist sie eine hohe, würdevolle und vornehme Frau – noch im Mittelhochdeutschen war die Bezeichnung frouwe einer adligen, zumindest sozial hochstehenden Frau vorbehalten. Aber schon diese Tatsache kann als Anzeichen einer ersten Begriffsabwertung angesehen werden, denn „auf menschliche Frauen bezogen begegnet frouwa [im Althochdeutschen!] nur in wenigen Ausnahmefällen“ (1). Und unter diesen Ausnahmefällen sind die Texte des gelehrten Mönchs Notker (950–1022) die einzigen, „in denen mit frouwa nicht auf Maria oder […] auf andere weibliche Heilige referiert wird“ (1).

Von hier ausgehend, wurde Frau schließlich sukzessive zur neutralen Allgemeinbezeichnung. Die dabei entstehende Wortschatzlücke wurde durch die Entlehnung von Dame aus dem Französischen im 16. Jahrhundert wieder geschlossen, das fortan hochstehende Frauen bezeichnete – und den Weg der Begriffsinflation prompt mitging: War es anfangs noch adeligen Frauen vorbehalten, wurde es im 18. Jahrhundert auf bürgerliche Frauen ausgeweitet.

Nicht besser erging es der Jungfrau, die von der Allegorie der Tugend eingeengt wurde auf körperliche Unberührtheit, zunächst eine junge Herrin oder ein Edelfräulein bezeichnete, schließlich in der Variante Jungfer gar beleidigenden Charakter annahm. Man kann hier mit der Sprachhistorikerin Damaris Nübling von einem besonderen Fall der Abwertung sprechen, von einer Biologisierung der Frau: „Zum einen hat sie in ihrer biologischen Funktion versagt, zum anderen hat sie durch ihr Alter ihre Attraktivität eingebüßt […] In beiden Fällen wird die Frau aus männlicher Sicht evaluiert“ (4). Die analoge männliche Bezeichnung hingegen, der Junker (aus mittelhochdeutsch junc-herre gegenüber junc-frouwe), büßte von seiner Bedeutung Edelmann nichts ein. Sowie die ursprünglich ehrende Bezeichnung Jungfer für eine junge Frau schließlich um 1700 altmodisch wird, ersetzt man sie durch den Begriff Fräulein (3) – der es nicht ganz in die heutige Zeit geschafft hat.


Von Mägden und Knechten

Anhand des Wandels in der Verwendung von Magd läßt sich ein weiterer Spezialfall der Abwertung weiblicher Bezeichnungen veranschaulichen, den Nübling als Funktionalisierung (Einschränkung auf einen Tätigkeitsbereich) bezeichnet (4). Als Paradebeispiel für eine Funktionalisierung steht dabei neben der Magd die Mamsell Pate: Aus französisch Mademoiselle entlehnt, bezeichnete sie erst eine hochstehende junge Frau, dann eine leitende Hausgehilfin und zuletzt eine einfache Küchenangestellte. Wieder handelt es sich um ein Phänomen, das nur Frauenbezeichnungen betrifft – man vergleiche auch die unterschiedlichen Entwicklungspfade des männlichen Gouverneurs (Regierungsvertreter, Statthalter) und der weiblichen Gouvernante (Erzieherin, Kindermädchen).

Die Bezeichnung Magd, heute ungebräuchlich und in der Bedeutung einer einfachen Hofangestellten erstarrt, hat eine besonders auffällige Geschichte der Degradierung hinter sich. Im Althochdeutschen meinte magad in jedem Fall eine Jungfrau, stand für das lateinische virgo und wurde auch zur Bezeichnung von Maria verwendet. Allgemein „erscheint magad in den althochdeutschen Quellen vorrangig auf biblische Jungfrauen bezogen […], auf 'Geist' oder 'Gelehrsamkeit' verkörpernde Göttinnen“ (1) und erst später auf unverheiratete Frauen. Der einstige Gehalt von magad steckt heute noch in einer Nebenform: die (holde) Maid. Dementsprechend steht der Begriff Magdtum, der bis ins 20. Jahrhundert belegt ist, für Jungfräulichkeit. Von der auch im Mittelhochdeutschen noch vorherrschenden Bedeutung Jungfrau wird die maget nun jedoch zunehmend zur Dienerin, schließlich dann zur Angestellten, dem heutigen Gegenstück zu Knecht.

Knecht scheint eines der ganz wenigen Wörter zu sein, bei denen sich auch die Abwertung einer männlichen Bezeichnung erkennen läßt. Dies mag aber vorrangig mit der Abwertung des Dienens und der Demut im allgemeinen einhergehen. Es fällt nämlich auf, daß der Begriff im Englischen eine gegenteilige Entwicklung erfährt: War der deutsche Knecht im militärischen Bereich als Fußsoldat das Gegenstück zum angesehenen Ritter, so avanciert die Bezeichnung im Englischen (knight) selbst zur Bedeutung Ritter.


Das Schicksal der Dirne

„Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah …“ – was heute beinahe verfänglich klingt, ist der Beginn des Märchens „Rotkäppchen“ nach der Ausgabe letzter Hand der Gebrüder Grimm (1857). Noch etwas über 30 Jahre später läßt Theodor Fontane in seinem bekannten Gedicht „Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland“ ein junges Mädchen mit „lütt Dirn“ ansprechen, aber spätestens ab dieser Zeit scheint das Wort nicht mehr zur neutralen Bezeichnung eines Mädchens geeignet. Was war passiert?

Die althochdeutsche Bezeichnung diorna oder thiorna war zunächst Jungfrauen vorbehalten: Ähnlich wie magad, wurde auch sie zur Übersetzung von lateinisch virgo verwendet und konnte ebenso Maria bezeichnen. Das thiornutuom (Dirnentum) „als Jungfräulichkeit hieß damit im übertragenen Sinne auch Sündlosigkeit“ (1) – das genaue Gegenteil der heutigen Bedeutung! Zum Ende der althochdeutschen Epoche hin verwendet schließlich wieder der Gelehrte Notker das Wort für alltäglichere Zwecke, zur Bezeichnung von Mädchen und jungen Frauen im allgemeinen. Ab dem 12. Jahrhundert findet schließlich die Funktionalisierung statt: Die Bedeutung von Dirne, jetzt dierne, verengt sich auf die einer Dienstmagd. Darauf folgt in einem weiteren Abwertungsschritt, was Nübling als Sexualisierung bezeichnet: die Dirne wird zur Prostituierten.


Eine Entwicklung heute: das Mädchen

Eine Betrachtung wert ist auch das Mädchen als Verkleinerungsform zur maget. Wie die Beispiele Fräulein, Jüngling oder Knäblein zeigen, haben Verniedlichungen heute einen schweren Stand. Dem war nicht immer so: Im Nibelungenlied beispielsweise wird Kriemhild als vil edel magedîn, als junges Edelfräulein, bezeichnet. Zum Eintrag Mädchen ist heute im Duden (Onlineausgabe) der besondere Hinweis zu lesen: „Im modernen Sprachgebrauch sollte das Wort Mädchen nur noch in der Bedeutung Kind weiblichen Geschlechts verwendet werden. In den weiteren veraltenden oder veralteten Bedeutungen gilt die Bezeichnung Mädchen zunehmend als diskriminierend.“ Mit veraltenden Bedeutungen ist die Verwendung zur Bezeichnung junger Frauen („ein anständiges Mädchen“), zur Bezeichnung der Freundin eines jungen Mannes („er kam mit seinem Mädchen“) und zur Bezeichnung einer Hausangestellten („dem Mädchen klingeln“, „Mädchen für alles“) gemeint. Darüber hinaus „wird auch schon gelegentlich behauptet, Mädchen sei [generell] herabsetzend“ (5). Nur – eine Nachfolgebezeichnung scheint derzeit noch nicht in Sicht.


Ein sprachübergreifendes Phänomen

Die Abwertung weiblicher Bezeichnungen läßt sich teilweise auch in anderen Sprachen feststellen. Was die besondere Anrede für junge, unverheiratete Frauen betrifft, so waren die feministischen Bemühungen, das Fräulein als diskriminierend abzuschaffen, in anderen Ländern bislang weniger erfolgreich. Das französische mademoiselle und das englische miss wird nach wie vor recht verbreitet als ehrende Bezeichnung aufgefaßt. Das Englische zeigt allerdings einen nachdenklich stimmenden Trend, der sich in fast ähnlicher Ausprägung auch im Deutschen feststellen läßt: Die englische Sprache, besonders im Raum Nordamerikas, hält angeblich 220 despektierliche sexuell konnotierte Bezeichnungen für Frauen bereit, während es deren für Männer nur etwa 20 gibt (6).

Deutlich nachverfolgt werden kann im Englischen auch die Tendenz etymologisch verwandter Bezeichnungen für Frauen und Männer, sich in unterschiedliche Richtungen zu entwickeln. Während wizard einen weisen oder mächtigen Zauberer, übertragen auch ein Genie bezeichnet, referiert die von derselben Wortwurzel abgeleitete weibliche Bezeichnung witch auf eine Hexe, die mit bösen Mächten im Bunde steht. Dasselbe gilt für die Bezeichnungen master (Meister, Lehrmeister) und mistress (Herrin, Lehrerin – aber daneben Geliebte und Kurtisane). Für die deutsche Entsprechung Mätresse läßt sich eine noch deutlichere Begriffsabwertung nachzeichnen, sie sank von der einflußreichen Geliebten eines Fürsten bis hin zur Prostituierten.

Besonders beliebt, wenn es darum geht, die englische Sprache als sexistisch zu brandmarken, ist das englische Begriffspaar für Junggeselle und Junggesellin. Während die männliche Bezeichnung bachelor neutral ist, teils sogar als Kompliment verwendet wird (7) und daneben einen akademischen Grad bezeichnet, haftet der weiblichen Bezeichnung spinster, die in der Regel abwertend verstanden wird, ein Beigeschmack sozialen Versagens an. Dies wird besonders deutlich in der festen Wendung „an embittered old spinster“ – eine versauerte alte Jungfer.

Weitere Beispiele auch aus anderen Sprachen der Welt ließen sich zweifellos anführen. Doch wie läßt sich diese augenfällige Erscheinung erklären?


Erklärungsansatz 1: Männliche Galanterie

Wer die Abkürzung über die Wiese nimmt, hat nicht vor, einen Trampelpfad anzulegen, und wer auf der Autobahn bremst, plant nicht, zur Entstehung eines Staus beizutragen. Menschen handeln, ihr Handeln summiert sich und kann Effekte hervorrufen, die keiner der Akteure ursprünglich anstrebte. Der Sprachwissenschaftler Rudi Keller übertrug dieses aus dem Alltag bekannte Prinzip auf die Sprache und sah darin die zentrale Erklärung für den Sprachwandel.

Im konkreten Fall führt Keller die Abwertung weiblicher Bezeichnungen auf das in der höfischen Tradition wurzelnde Galanteriegebot Frauen gegenüber zurück: „Teil dieses Galanterieverhaltens ist es, daß die Tendenz besteht, Frauen gegenüber oder beim Reden über Frauen Ausdrücke zu wählen, die eher einer höheren Stil- oder Sozialebene angehören […] Das führt mit der Zeit dazu, daß immer tendenziell das 'nächsthöhere' Wort zum unmarkierten Normalausdruck wird, während das ehedem normale pejorisiert [abgewertet] wird.“ (8) Demnach handle es sich um einen Abnutzungseffekt, der durch den inflationären Gebrauch höflich-schmeichelnder Bezeichnungen hervorgerufen werde. Die Abwertung von Frauenbezeichnungen wäre damit ein Zerrspiegel der Kultur, da das Gegenteil dessen passiert, was eigentlich angestrebt wird.


Erklärungsansatz 2: Patriarchalische Gesellschaft

So einleuchtend Kellers Theorie auf den ersten Blick klingt, stößt sie doch in mehrfacher Hinsicht an ihre Grenzen. Zunächst kann sie nur schwer erklären, weshalb die Abwertung bereits in der vorhöfischen Zeit in vollem Gange war (1) oder auch Kulturen betrifft, in denen offensichtlich kein Galanteriegebot besteht. Zudem unterstellt Keller damit ein einseitiges Galanteriegebot, „er impliziert, nur Männer werteten Frauen auf und nicht umgekehrt. Dies ist historisch jedoch nicht haltbar: Auch Frauen mußten (und müssen) Männern gegenüber 'lieber eine Etage zu hoch als zu niedrig' greifen.“ (4) Hinzu kommt noch, daß sich mit dieser These keiner der von Damaris Nübling aufgeführten Sonderfälle der Abwertung (Funktionalisierung, Biologisierung, Sexualisierung) überzeugend erläutern läßt.

Nübling vertritt deshalb die Auffassung, „daß diese Pejorisierungen direkt den historisch geringen Status der Frau, ihre niedrige gesellschaftliche Stellung und Wertschätzung reflektieren und damit ein Spiegel [und kein Zerrspiegel!] der Kultur sind“. Sie verweist dabei auf ähnliche Entwicklungen, die ohne Galanterie auskommen, etwa die ständige Erneuerung von politisch korrekten Bezeichnungen für Ausländer, Schwarze oder Menschen mit Behinderung. Man spricht hier von einer „Euphemismus-Tretmühle“, die besagt, „daß jeder Euphemismus irgendwann die negative Konnotation seines Vorgängerausdrucks annehmen wird, solange sich die tatsächlichen Verhältnisse nicht verändern“ (Wikipedia).

Zur Stützung ihrer Argumentation führt sie schließlich noch weitere Beispiele an, in denen eine kulturelle Veränderung eine sprachliche Änderung nach sich zog, etwa: „Unsere Du-Expansion konnte nur im Zuge der gesellschaftlichen Demokratisierung greifen. […] Weiteres Beispiel: Die Bedeutungserweiterung von Partner konnte nur im Zuge zunehmender nichtehelicher Lebensgemeinschaften greifen.“ (4) Die Abwertung weiblicher Bezeichnungen wäre damit die natürliche Folge einer patriarchalischen Kultur in dem Sinne, daß die Sprache den tatsächlichen Status der Frau in der Gesellschaft getreu abbildet.


Wer ist dafür verantWORTlich?

Die vorangehende Erklärung wirft die brisante Frage auf, ob an der niedrigen Wertschätzung und gesellschaftlich untergeordneten Stellung der Frau allein der Mann schuld ist, die Frau also von ihm gewaltsam in eine Opferrolle gedrängt wurde, für die sie nichts kann. Wer trägt die Verantwortung für die Abwertung weiblicher Bezeichnungen und der Frau selbst? Ich möchte an dieser Stelle für eine Mitverantwortung beider Geschlechter plädieren, die sich in einer Erweiterung des biblischen Bildes darstellen läßt: Die Frau reicht dem Mann den Apfel, er nimmt ihn nur allzu willig und begehrt nun von sich aus immer weitere Äpfel. Sie verschließt sich seiner gierigen Forderung nicht, befriedigt darin sein fragwürdiges Verlangen und ist in seinen Augen nunmehr vorrangig eine dienstleistende Apfellieferantin. –

In seinem Gedicht „Würde der Frauen“ formuliert Schiller ein anderes Ideal: „Ehret die Frauen! Sie flechten und weben / Himmlische Rosen ins irdische Leben.“ Eine Forderung an Mann und Frau.


Verführung und Herausforderung

Einmal abgesehen von den vielen zu verurteilenden Ungerechtigkeiten männerdominierter Gesellschaften gegenüber Frauen weltweit, sei hier auf zwei schon sehr alte und nicht unproblematische Profilierungsstrategien der Frau gegenüber dem Mann eingegangen, die auch Anteil haben mögen an der Abwertung weiblicher Bezeichnungen und der Frau selbst.

Die erste ist jene der Verführung. Als Form der Machtausübung ist sie in der Tat geeignet, den Mann zeitweilig zu beherrschen und zu unterwerfen, damit ein Gegengewicht zur gesellschaftlichen Vormachtrolle des Mannes zu installieren. Doch zu welchem Preis? Kann ein Mann eine Frau achten und wertschätzen, die ihn verführt, ihre Reize feilbietet und darin ihre Würde aufgibt? Leider wurde und wird gerade dieser Versuch einer Machtkompensation von Männern wohlwollend gefördert, ja er wurde sogar als Naturnotwendigkeit betrachtet. So schreibt Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) die fragwürdigen Zeilen: „Wenn die Frau dazu geschaffen ist zu gefallen […], so muß sie sich dem Manne angenehm machen, anstatt ihn herauszufordern. Ihre Macht liegt in ihren Reizen; durch sie muß sie ihn zwingen […]“ (9)

Die zweite Strategie ist eben jene des Herausforderns, die Bestrebung, es dem Manne gleichzutun – was die Frage aufwarf: Sind Frauen die besseren Männer? Doch die wichtigere Frage ist die, ob der Mann die Frau als Frau achten und wertschätzen kann, wenn sie ihm nacheifert und damit ihre weibliche, also andersartige Eigenart verleugnet. Sie wird ihm zum brüderlichen Kameraden am Stammtisch und zugleich zur Konkurrenz. Selbst wenn es ihm recht ist, wird er sie „für voll“ nehmen können? Emanzipatorische Bestrebungen dieser Art sah auch Rousseau sehr kritisch: „Die Frau gilt mehr als Frau und weniger als Mann. […] Wenn man bei den Frauen die Eigenschaften des Mannes pflegt und diejenigen vernachlässigt, die ihnen eigen sind, so ist es augenscheinlich, daß man zu ihrem Nachteil arbeitet.“ (9)


Was ist zu tun?

Was kann getan werden gegen die Abwertung weiblicher Bezeichnungen? Für den Sprachalltag gibt Damaris Nübling einen konkreten Hinweis, der heute besonders für das Wort Weib relevant erscheint – das, wie eingangs festgestellt, entweder stark abwertend verwendet oder ganz vermieden wird: „Indem man jedoch bereits pejorisierte Ausdrücke im Normalfall eher zu vermeiden sucht, beschränkt man ihren Gebrauch ausschließlich auf negative Kontexte und beschleunigt damit ihre weitere Pejorisierung.“ (4) Auch auf den engen Zusammenhang zwischen Sprache und Realität wurde hingewiesen. Um die Abwertung weiblicher Bezeichnungen – und nicht nur dieser, man denke etwa an die Tugendbegriffe – zu bremsen, müßte sich deshalb zuerst die Wirklichkeit ändern. Doch es geht hier nicht um äußere Änderungen, sondern es geht um die einzelnen Menschen selbst. Es geht um unsere Einstellung, darum, daß das Dichterwort Goethes nicht als Dichterwort verbleibt: „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan …“

 

Literatur:

(1) Birgit Kochskämper, 'Frau' und 'Mann' im Althochdeutschen, Lang, Frankfurt a. M. 1999

(2) Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, 38. Auflage, Hirzel, Stuttgart 1992

(3) Werner König, dtv-Atlas Deutsche Sprache, 16. Auflage, dtv, München 2007

(4) Damaris Nübling, Von der 'Jungfrau' zur 'Magd', vom 'Mädchen' zur 'Prostituierten': Die Pejorisierung der Frauenbezeichnungen als Zerrspiegel der Kultur und als Effekt männlicher Galanterie?, in: Riecke, Jörg (Hrsg.): Historische Semantik. Jahrbuch für Germanistische Sprachgeschichte, Band 2, de gruyter, Berlin, New York

(5) Rudolf-Josef Fischer, Genuszuordnung, Lang, Frankfurt a. M. 2005

(6) Dale Spender, How the English language devaluates women, Webpublikation 2011

(7) Brigitte Schwarze, Genus im Sprachvergleich, Narr, Tübingen 2008

(8) Rudi Keller, Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache, Francke, Tübingen u. a. 1994

(9) Jean-Jaques Rousseau, Sophie oder die Frau, 5. Buch in Emile oder über die Erziehung, UTB, Stuttgart 1998

 


 
   
 
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