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  Tierleid durch Fleischverzehr
 

Tierleid durch Fleischverzehr


Die Tatsachen

Die „Produktion“ von Fleisch weltweit, die in der irrwitzigen Kategorie „Millionen Tonnen Schlachtgewicht“ gemessen wird, entsprach im Jahr 2017 dem 4,5-fachen der globalen Produktion von 1961 (vgl. Statista 2018). Und dies ist nicht einmal nur durch Bevölkerungszuwachs zu erklären: Allein in Deutschland hat sich der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch in der Zeit von 1950 bis 2009 mehr als verdoppelt, von 1850 bis 2010 gar vervierfacht (vgl. WWF 2014: 16f.). Obwohl die Möglichkeiten einer vielseitigen und bewussten Ernährung durch die weltweite Gütervernetzung nie zuvor größer war, müssen also immer mehr Tiere für unsere Ernährung ihr Leben lassen.

Die Ausmaße der Tötungsindustrie zur Deckung der Fleischnachfrage sind jenseits aller Vorstellungskraft. Konkrete Angaben erfolgen in der Größenordnung „Milliarden Tiere pro Jahr“. Allein in Deutschland, einem einzigen Land, wurden 2012 mehr als eine halbe Milliarde Hühner geschlachtet (vgl. Fleischatlas 2014: 21). Dies entspricht über 1.200 Hühnern in der Minute. Daneben werden allein in Deutschland heruntergerechnet jede Minute noch rund 113 Schweine, 74 Puten, 50 Enten und weitere Tiere geschlachtet (vgl. ebd.). Man versuche sich vorzustellen, wie viele Tiere gehalten werden müssen, damit bei derart enormen Tötungsraten nicht nur eine Sicherung des Bestands, sondern sogar noch ein Wachstum möglich ist. Leider haben solche Zahlen keine nachhaltige Wirkung auf uns, denn, wie bekannt ist:

Die emotionale Reaktion nimmt proportional zur steigenden Opferzahl ab. Es wurde mittlerweile in psychologischen Studien nachgewiesen, dass dieses ,Verdrängen‘ bereits ab 2 Opfern beginnt. Einzelne Opfer (zum Beispiel ein ertrunkenes Hundebaby im Kanal) erregen viel mehr unser Mitgefühl, als eine große Zahl an Opfern (zum Beispiel 100 Erdbebenopfer). Wenn man sich also vorstellt, dass in Deutschland jährlich mehrere hundert Millionen Tiere geschlachtet und getötet werden, dann kann man sich das eigentlich nicht vorstellen – diese Zahl ist zu hoch, zu abstrakt, zu unwirklich. Wir können mit ihr nicht viel anfangen und sie macht uns deshalb auch nicht so betroffen, wie wenn uns etwa die Nachricht erreicht, dass jemand einen Hund von einer Brücke geworfen hat. (PETA 2012)

Von unseren 113 Schweinen, die jede Minute ihr Leben lassen, erfolgt bei bis zu 14 Schweinen das Ableben unter mangelhafter oder gänzlich fehlender Betäubung (10–12 Prozent), bei Rindern sind es 4–9 Prozent (vgl. Fleischatlas 2014: 18). Die Tiere überleben zum Teil die Entblutung, ein gewisser Prozentsatz gerät lebend in den Brühkessel, wie anhand eingeatmeten Wassers festgestellt werden kann (vgl. Deutscher Tierschutzbund 2012). Selbst wenn die Betäubung erfolgreich ist, geht dem unvermeidbar Leid voraus. Geflügel, das im elektrischen Wasserbad betäubt wird, wird vorher kopfüber in ein Förderband gehängt („shackling“). Ein Bio-Siegel des Fleisches ändert an diesen Tatsachen nichts.

Die maximale Dauer des shacklings sollte nicht länger als eine Minute betragen, denn das Hängen ist eine physiologisch abnorme Körperhaltung und der Druck der Metallbügel auf die Mittelfußknochen ist extrem schmerzhaft und wird um so stärker, je größer die Deformationen der Beine sind. Schmerz und Stress bewirken heftiges Flügelschlagen, was wiederum das Ausmaß von ausgekugelten Gelenken und Knochenbrüchen, die viele Tiere schon vorher haben, verschlimmert. Acht Prozent der Legehennen haben auf Grund des shacklings Knochenbrüche, Masthähnchen haben zu drei Prozent Knochenbrüche. Durch heftiges Flügelschlagen kann es außerdem zu schmerzhaften Stromschlägen schon vor der Betäubung kommen, daraufhin flattern die Vögel erst recht. Es ist möglich, dass Tiere das Wasserbad komplett umgehen oder nur teilweise eintauchen und unvollständig betäubt werden. Besonders Puten erhalten oft vor der Betäubung Stromschläge, da die Flügel tiefer hängen als die Köpfe. […] Zwischen der Stromstärke, die auf die einzelnen Tiere einwirkte, gab es große Unterschiede, zwischen der Einwirkzeit, der Anzahl Tiere im Wasserbad, der Spannung, der Stromstärke und der Frequenz. Es ist sehr wahrscheinlich, dass eine große Anzahl der Vögel bei der üblichen Wasserbadbetäubung nicht ausreichend betäubt werden. (Deutscher Tierschutzbund 2012: 6)


Nicht viel besser ergeht es Schweinen, die überlichweise durch Kohlendioxid betäubt werden.

CO2 ist ein aversives Gas, es führt in zehn bis 20 Sekunden bis zum Eintritt der Bewusstlosigkeit zu Schleimhautreizungen und Atemnot. Viele Schweine reagieren mit starker Unruhe, Schreien und Fluchtversuchen. Eine zu niedrige Konzentration oder zu kurze Aufenthaltsdauer in der CO2-Atmosphäre haben zur Folge, dass die Schweine nicht ausreichend betäubt sind und ein Wiedererwachen möglich ist. […] Die Höchstdauer bis zur Entblutung darf höchstens 20 Sekunden nach Verlassen der Betäubungsanlage bzw. 30 Sekunden nach dem letzten Halt in der CO2-Atmosphäre bei 80 Prozent CO2-Konzentration und 100 Sekunden Aufenthaltsdauer betragen. Moderne Anlagen arbeiten meist mit Gondeln, die vier Schweine aufnehmen können. Das Anschlingen nach dem Auswurf sowie der hängende Transport der Schweine bis zum Stechen dauern in der Praxis deutlich länger als die zulässigen 20 Sekunden. Für das vierte Schwein sind Zeiten zwischen 75 und 90 Sekunden realistisch. […] Die zwei klinischen Indikatoren Korneal- und Nasenscheidewandreflex ließen sich an fast 70 bzw. 30 Prozent der Tiere auslösen, wenn 80 Prozent CO2, eine Verweildauer von 100 Sekunden und ein stun-to-stick-Intervall von 40–50 Sekunden gewählt wurden. (Deutscher Tierschutzbund 2012: 4 f.)


Dem voraus geht ein qualvolles Leben von Geburt an. Entsprechende Filmaufnahmen aus Mastbetrieben können sich auch hartgesottene Fleischesser kaum ansehen.

 

Eine ethische Frage

Fleischkonsum ist längst eine Frage der Ethik, denn er ist heute ohne großes Tierleid nicht mehr denkbar. Lange Zeit wurde in der philosophischen Ethik das Verhalten gegenüber Tieren kaum behandelt. So stellte Albert Schweitzer 1963 fest:

Die bisherige Ethik ist unvollkommen, weil sie es nur mit dem Verhalten der Menschen zum Menschen zu tun zu haben glaubt. In Wirklichkeit aber handelt es sich darum, wie der Mensch sich zu allem Leben, in seinem Bereich befindlichen Leben, verhält. Ethisch ist er nur, wenn ihm das Leben als solches heilig ist, das der Menschen und das aller Kreatur. (Schweitzer 2003: 22)


Heute allerdings ist die philosophische Ethik über die Grundfrage des Fleischkonsums vielleicht sogar schon hinaus:

Ob wir ein Schwein erzeugen, mästen dürfen, um es schließlich zu töten, weil es uns schmeckt, aus dem trivialen Grund, weil wir den Geschmack lieben, ob wir das mit einem bewussten, leidensfähigen, empfindsamen Lebewesen tun dürfen, das ist philosophisch längst erledigt. (Cyberphilosoph 2017, 25. Min.)


Dieses jeden Augenblick milliardenfach präsente Tierleid ist unsichtbar, und da die Beschäftigung damit buchstäblich den Appetit verdirbt, wird heute die Vergangenheit der Fleischerzeugnisse auf dem Teller großräumig ausgeblendet. Bewusste Ausblendung allerdings steht dem, was landläufig als Ignoranz bezeichnet wird, recht nahe.

Wenn man die Schlachthöfe öffnen würde, würde eine ganz erhebliche Anzahl, ich würde auch sagen die Mehrheit der Bevölkerung, niemals mehr Fleisch essen. Denn was in den Schlachthöfen passiert, ist grauenhaft. (Dr. Edmund Haferbeck)


Wie weit dieses Ausblenden geht, zeigt auf skurrile Weise ein Video von 2015 („Brazilian Prank: Sausages“, siehe Quellen). Es wurden frische Würstchen in einem Supermarkt verkauft. Als die Kunden ihre Bestellung aufgegeben hatten, holte der Verkäufer ein Ferkel und tat so, als würde es nun maschinell zu den gewünschten Würstchen verarbeitet werden. Die Kunden waren entsetzt, beschimpften den Verkäufer, fielen ihm flehend in den Arm und wollten von ihrer Bestellung nichts mehr wissen – gerade so, als wäre es eine entsetzliche Gräueltat, dass für die Würstchen ein Ferkel sterben müsste. Diese „Inkongruenz des Fleischessens“ (Joy 2013) ist nur über massive Ausblendung und Scheinrechtfertigungen überbrückbar (vgl. dazu zusammenfassend Cyberphilosoph 2017). Es besteht ein Zusammenhang, dass Tiere von Fleischessern weniger stark als fühlende Lebewesen wahrgenommen werden und ihr Wert und moralischer Status geringer angesetzt wird (vgl. Loughnan et al. 2010). Die im Bewusstsein der westlichen Welt gezogene Grenze zwischen zu essenden und nicht zu essenden Tieren (Katzen, Hunde, Meerschweinchen …) ist aber, wie das Beispiel Schwein – und auch das Rind – zeigt, willkürlich gezogen und orientiert sich nur daran, welche Tiere wir präferiert als Haustiere halten. Eine hörenswerte, philosophisch fundierte Rede zur Ideologie des „Karnismus“ ist die von Melanie Joy (2014, siehe Quellen).

Auf das Beispiel Schwein sei kurz eingegangen: 75 Prozent des Fleischverbrauchs pro Kopf entfallen noch immer (Zahlen von 2009) auf rotes Fleisch (vgl. WWF 2014: 14), davon gut 60 Prozent allein auf Schweinefleisch. Und das, wo Studien gezeigt haben, dass Schweine ein weitergehendes Bewusstsein zeigen als Hunde und dreijährigen Kindern in bestimmten Intelligenz- und Gedächtnistests überlegen sind. Ihre Konzentrationsfähigkeit überstieg in Tests die von Schimpansen (vgl. PETA 2006). Genauso wie Schimpansen, Delfine und Elefanten können sie sich selbst im Spiegel erkennen (vgl. P.M. 04/2010, nach Arche-Nord o. J.). Die DNA von Schweinen stimmt zu 98 % mit der menschlichen DNA überein, weshalb sie für Organ- und Gewebespenden an den Menschen in Frage kommen. Es mag vor diesem Hintergrund ein merkwürdiges Gefühl auslösen, das vormals durchblutete Fleisch eines derart bewussten Lebewesens zu essen.

Dass Fleischkonsum bislang doch normal war und der Mensch die biologische Anlage zum Omnivore trägt, kann nicht als Argument in die ethische Debatte eingebracht werden (Humes Gesetz: Aus einem Sein kann nicht auf ein Sollen geschlossen werden). Das oft angebrachte historische Argument („schon immer …“) steht ohnehin auf tönernen Füßen: Von den letzten 50 Mio. Jahren war der Mensch inklusive seiner Vorgänger nach heutiger Erkenntnis 45 Mio. Jahre ausschließlich Pflanzenfresser (vgl. Akte Fleisch, 42. Min.).

 

Einschub: Warum Biofleisch keine Lösung ist

Nun ziehen sich manche verantwortungsbewussteren Konsumenten darauf zurück, extra Biofleisch zu kaufen. Dazu sei zunächst bemerkt, dass Schlachtung und Transport – bei dem im Winter Schweine häufig unterkühlt und mit Erfrierungssymptomen ihr Ziel erreichen – bei der Biohaltung gegenüber der konventionellen Haltung genau die gleichen sind. Das gleiche gilt für die Praxis von Kastration und Enthornung ohne vorherige Betäubung. Aufgrund der stark gestiegenen Nachfrage nach Bioprodukten ist es zudem eine Illusion zu meinen, hier könnte (noch) von einer artgerechten Tierhaltung die Rede sein. Auch ein „Bioschwein“ sieht in der Regel sein Leben lang nichts anderes als seinen Mastplatz zwischen Metall und Beton (vgl. Die Bio-Lüge 2013), mit dem Unterschied, einige Quadratzentimeter (!) mehr Platz und ein wenig Stroh für sich zu haben.

Niemand denkt bei einem Bio-Ei daran, dass auch bei der Zucht von Bio-Legehennen die männlichen Küken an ihrem ersten Lebenstag vergast, zermust oder anderweitig getötet werden, weil ihre Mast nicht rentabel wäre. Für die Produktion von Bio-Milch und Milchprodukten muss eine Bio-Kuh jedes Jahr ein Kalb austragen – ein Kalb, welches auch der Bio-Milchkuh kurz nach der Geburt weggenommen wird und als ,Nebenprodukt‘ keinen Anspruch auf die Gesellschaft und die Milch der eigenen Mutter hat. (Die Bio-Lüge 2013)


Und wieder ist die Gefahr da, zu meinen, nun mit Bio-Gütesiegel aber wirklich guten Gewissens jeden dritten Tag oder noch öfter Fleisch essen zu können:

Je mehr die Existenz ,glücklicher Nutztiere‘ vorgegaukelt wird, desto eher verfallen die Konsumenten tierischer Produkte der Vorstellung, auch ,ihr‘ Ei, ,ihre‘ Milch, ,ihr‘ Schnitzel stamme gewiss auch von solch einem ,glücklichen Tier‘, so dass man es durchweg ohne schlechtes Gewissen konsumieren kann. Das betrifft nicht nur diejenigen, die (,aus Tierschutzgründen‘) bewusst Bioprodukte kaufen, sondern alle anderen auch. Schließlich prangt zur Täuschung des Verbrauchers beim Metzger auch noch ein großes Plakat eines glücklichen fröhlichen Schweins im Schaufenster und das gekaufte Fleisch trägt ein Gütesiegel. (ebd.)


Erste Schritte zur Verminderung des Tierleids

Wie es von Vorsätzen zum neuen Jahr bekannt ist, genügt der vage Vorsatz, „ein bisschen mehr darauf zu achten“, meist für eine tatsächliche Umsetzung nicht. Vorsätze haben desto mehr Aussicht auf Erfolg, je konkreter sie formuliert sind. Ein erster Vorsatz kann beispielsweise sein, nicht zur Nachfrage nach Fleisch beizutragen. Das heißt: Kein Fleisch kaufen, kein Fleisch bestellen. Wenn es dann immer noch Essanlässe geben sollte, zu denen von den Gastgebern keine Alternative angeboten wird, so wird durch ein Mitessen wenigstens nicht die Nachfrage erhöht, da das Gericht ohnehin bereits zubereitet ist. Im Großen reicht es allerdings nicht (im übrigen auch aus gravierenden ökologischen Gründen), nicht nur die Nachfrage nicht zu erhöhen – sie muss entschieden gesenkt werden durch aktive Entscheidung für und Einforderung von fleischlosen Alternativen.

Das oft noch immer kaum vorhandene vegetarische Angebot in Restaurants zeigt besonders deutlich, wie vielen Menschen es schlichtweg gleichgültig ist, welches Leid hinter ihrem Gaumenschmaus steckt. Denn hier kann sich beim besten Willen niemand einreden, das Fleisch käme aus tiergerechter Haltung. Es wäre ein nötiger allererster Schritt, mitzuhelfen daran, dass es nicht mehr als Selbstverständlichkeit erscheint, im Restaurant Fleisch oder wenigstens die Pizza mit Schinken und Salami zu bestellen und mit jeder Bestellung dieser Art die Betreiber in der Gestaltung ihres fleischlastigen Menüs zu bestärken.

Die Dimension des Tierleids, das heute mit tierischen Produkten verbunden ist, ist so groß, dass sich jeder die Frage stellen möge, wie viele Tierprodukte er wirklich benötigt. Und noch eine weitergehende Frage ist zu überdenken: Wieweit kann ich es überhaupt in Kauf nehmen, dieses immense Tierleid durch den Erwerb tierischer Produkte mit zu tragen, daran Anteil zu haben – selbst, wenn es nicht nur um eine bloße Genussgewohnheit (!) geht, sondern um ein berechtigteres Interesse? Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem auch das eigene Bedürfnis kein hinreichender Grund mehr sein kann. Denn die eigene Bedürfnisbefriedigung rechtfertigt nicht das Leid anderer Lebewesen – der Zweck heiligt nicht die Mittel. Ein Beispiel zum Vergleich: Wenn mein Nachbar (und nur er) ein Medikament besitzt, das meine unheilbare Krankheit mit absehbarer Todesfolge heilen kann, so gibt mir das unter keinen Umständen das Recht, ihn zu überfallen oder gar zu töten, um zugunsten meiner Gesundheit an das Medikament zu gelangen.

Die Situation war in der bisherigen Menschheitsgeschichte eine andere als heute, denn für den Verzehr von Fleisch musste weit weniger Tierleid hingenommen werden, zum anderen waren die Alternativen deutlich spärlicher. Auch die Sklaverei und eine untergeordnete Rolle der Frau galten über Jahrhunderte hinweg als naturgegeben. Doch es kommt der Zeitpunkt, an dem ein allgemeines Problembewusstsein einsetzt und sich durchsetzen muss über die Widerstände derer hinweg, die den Wandel nicht wollen.

Zu den gesundheitlichen Vorteilen einer drastisch fleischreduzierten bis fleischlosen Ernährung ist inzwischen ausreichend publiziert worden. Für Monate und mehr ohne Fleisch zu leben, kann heute jedem Menschen nur nutzen, da sich der hohe allgemeine Fleischverzehr ohnehin lebensverkürzend auswirkt und für zahlreiche gesundheitliche Probleme verantwortlich ist (vgl. Akte Fleisch 2013). Um nur ein kleines Beispiel zu nennen: Der tägliche Verzehr von 100g Fleisch kann das Magenkrebsrisiko um den Faktor 5 ansteigen lassen (ebd.: 7. Min.). Die klaren gesundheitlichen Vorzüge fleischloser Ernährung, sofern sie nicht einseitig ist, sind inzwischen vielfach belegt, die Sorgen um mögliche Mängel als unbegründet entlarvt. Die zwei verbreitetsten Mythen seien hier kurz genannt: Vitamin-B12-Mangel, der weite Teile der Bevölkerung betrifft, hat mit vegetarischer Ernährung an sich noch wenig zu tun; B12 ist in Fleisch aufgrund ausgelaugter Böden heute nur noch vorhanden, weil es vorher dem Tierfutter künstlich zugemischt wird (vgl. Cyberphilosoph 2016). Der Verzicht auf Milch führt nicht zu Calcium-Mangel, im Gegenteil – zur Säureneutralisierung wird vom Körper mehr Calcium benötigt, als über die Milch gerade zugeführt wurde. Die Länder mit dem weltweit höchsten Milchkonsum führen zugleich die Statistik über Osteoporose-Fälle an (vgl. VEG-TV 2012). Für einen Überblick weiterer Fakten vgl. ARFF (2012).

Interessant ist auch das Gedankenexperiment Sigrid Lauff: „Was passiert, wenn wir 80 Prozent weniger Fleisch essen?“ (2014, siehe Quellen). Wenigstens eine Reduzierung des eigenen Fleischverzehrs um 80 Prozent erscheint ein für jede(n) gangbarer erster Schritt, um bewusst weniger Tierleid mit zu verursachen, ohne gleich ganz verzichten zu müssen.

 

Darüber hinaus: die geistige Dimension

Anhand des Schweins wurde bereits der Aspekt des Bewusstseinsgrades des eingesperrten, geschlachteten und dann verzehrten Tieres angesprochen. An diesem Gedanken orientiert, wäre es der mindeste Schritt, auf das Fleisch von hochentwickelten Säugetieren wie Schweinen und Rindern zu verzichten. Und schließlich auf das Fleisch von Säugetieren überhaupt, mit denen grundsätzlich der für die Tierwelt höchste Bewusstseinsgrad verbunden ist. Im nächsten Schritt wäre dann, diesem Gedanken folgend, über Vögel (Hühner) und Fische zu sprechen. Dies entspricht in etwa der Unterscheidung von „rotem Fleisch“ (Rind, Kalb, Schwein, Schaf, Lamm) und „weißem Fleisch“ (Kaninchen, Geflügel). Aus gesundheitlichen Gründen wäre ein Verzicht auf rotes Fleisch ohnehin mehr als vorteilhaft, wie verschiedene Studien nahelegen.

Auch der Aspekt des Zellgedächtnisses – wie er sich etwa beim bekannten Phänomen der „Gedächtnistransplantation“ bei Organverpflanzungen äußert – ist mitzubedenken. Ausläufer davon scheinen sogar schon wissenschaftlich greifbar zu sein: So hat eine Studie gezeigt, dass Fleischverzehr bei Frauen mit Angstwerten korreliert (vgl. Yannakoulia et al. 2008). Das Tierleid wird offenbar buchstäblich mitgegessen (vgl. auch Physicians Committee for Responsible Medicine 2015). Weitergehende feinstoffliche Auswirkungen des immensen globalen Tierleids spricht Margot Ruis an (etwa in Wagner/Spitzer 2013).

Doch der drängendste Antrieb zu einer Änderung der Ernährungsgewohnheiten soll nicht die eigene Gesundheit sein, sondern das Leid unserer Mitlebewesen beziehungsweise die „Ehrfurcht vor dem Leben“ (Albert Schweitzer). Aus einer spirituellen Perspektive sollte sich die Mitwirkung an einer Zunahme von Tierleid ohnehin verbieten, wie Manfred Kyber sehr plastisch in seiner gegen Tierversuche gerichteten Erzählung „Nachruhm“ beleuchtet:

,Alle diese Tiere leben bei Gott‘, sagte der Engel, ,du kannst nicht dorthin, denn sie stehen davor und klagen dich an, sie lassen dich nicht durch. Was du hier siehst, sind ihre einstigen Spiegelbilder, es sind deine Werke, und sie bleiben bei dir. Du wirst alle ihre Qualen an dir erfahren, bis du wieder zur Erde geboren wirst, um zu sühnen. Es ist ein langer und trauriger Weg.‘ (Kyber 2009: Kap. 14)


Der drastische Verzicht auf Fleisch stellt heute zum Glück längst keine Außenseiterposition mehr dar. Denn viele Menschen, die an sich selbst arbeiten und ein bewusstes Leben führen wollen, haben sich eingehend mit dem Leid beschäftigt, das mit Fleischverzehr heute einhergeht. Und wer sich damit beschäftigt hat, der kann nicht mehr verstehen, wie Menschen mit moralischen Ansprüchen an sich selbst hierin so unbekümmert sein können.

 

Angeführte Literatur und Infovideos:

– Akte Fleisch (2013): Dokumentation zu Fleischkonsum, Klimawandel, Gesundheit, Vegetarismus. URL: https://bit.ly/2bcdw0m.
– Arche-Nord (o. J.): Haben Schweine ein Selbstbewusstsein? URL: http://bit.ly/1Ox54l7.
– ARFF (2012): 101 Reasons to go vegan. URL: https://bit.ly/2wXllDW.
– Cyberphilosoph (2016): Wie die Fleischindustrie uns mit der B12-Angst verarscht. URL: https://bit.ly/2kaLru8.
– Cyberphilosoph (2017): Veganismus und die Ideologie der Fleischesser. URL: https://bit.ly/2IwamGS.
– Deutscher Tierschutzbund (2012): Systemimmanente Probleme beim Schlachten.
– Heinrich-Böll-Stiftung et al. (2014). Fleischatlas. Daten und Fakten über Tiere als Nahrungsmittel. URL: http://bit.ly/1ZEQW1g.
– Joy, Melanie (2013): Warum wir Hunde lieben, Schweine essen und Kühe anziehen. Karnismus – eine Einführung. 5. Aufl. Münster: compassion media.
– Joy, Melanie (2014): Beyond Carnism and toward rational, authentic food choices. TEDX. URL: http://bit.ly/1VueW50.
– Kyber, Manfred (2009): Nachruhm. In: Balduin Brummsel und andere Tiergeschichten, Kap. 14. URL: https://bit.ly/2HhSn1o.
– Lauff, Sigrid (2014): Was passiert, wenn wir 80 Prozent weniger Fleisch essen? SWR. URL: http://bit.ly/1IIDV2S.
– Loughnan, Steve et al. (2010): The role of meat consumption in the denial of moral status and mind to meat animals. In: Appetite 55, 156–159.
– PETA (2006): Das unbekannte Leben der Schweine. URL: http://www.peta.de/schweine.
– PETA (2012): Wo ist der Unterschied? Warum streicheln wir Hunde und töten Schweine? URL: http://www.peta2.de/web/home.cfm?p=1109.
– Physicians Committee for Responsible Medicine (2015): Food and mood: Eating plants to fight the blues. URL: https://bit.ly/2rTHrm3.
– Schweitzer, Albert (2003): Die Entstehung der Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben und ihre Bedeutung für unsere Kultur. In: derselbe: Die Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus fünf Jahrzehnten. 8. Auflage. München: C.H. Beck, 13–31.
– Statista (2018): Produktion von Fleisch weltweit in den Jahren 1961 bis 2017 (in Millionen Tonnen Schlachtgewicht). URL: https://bit.ly/2v4A6iy.
– Unbekannt (2013): Die Bio-Lüge. URL: http://www.biowahrheit.de/inhalt/hintergrund.htm.
– Unbekannt (2015): Brazilian Prank: Sausages (with Subtitles). Distributed via Youtube by MrTyouBE. URL: https://www.youtube.com/watch?v=Z3mKNdKkrYk.
– VEG-TV (2012): Die Milch-Lüge. URL: https://bit.ly/2Fw9LCT.
– Wagner, Christian / Spitzer, Ulrike: Naturwesen – Botschaft von vergessenen Freunden. Dokumentarfilm 2013. URL der Filmseite: http://www.naturwesen-derfilm.at/
– WWF Deutschland (Hrsg.) (2014): Fleisch frisst Land. 4., unveränderte Ausgabe. Berlin.
– Yannakoulia M. et al. (2008): Eating habits in relations to anxiety symptoms among apparently healthy adults. A pattern analysis from the ATTICA study. In: Appetite 51(3), 519–525.

 
   
 
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